Auf einen Espresso Über Lebenswege und Luxus-Meilen

FRANK A. MEYER UND MARC WALDER - FRAGEN UND MEINUNGEN ZU DEN THEMEN DER WOCHE.
Mark Walder und Frank A. Meyer
© Thomas Buchwalder

Frank A. Meyer, 67, (l.) arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Er lebt in Berlin. Marc Walder, 45, ist CEO der Ringier AG.

Sagen Sie mal, Frank A. Meyer, Sie leben ja in Berlin. Wann sind Sie eigentlich das letzte Mal durch Zürich spaziert?
Immer wenn ich für ein paar Tage mein Büro im Ringier-Pressehaus beziehe, gehe ich als Erstes meinen Zürcher Ameisenweg.

Wo führt der durch?
Von der Dufourstrasse zum Helmhaus, über die Münsterbrücke zum Fraumünster, hinter dem «Savoy» entlang zum Paradeplatz, dann wieder rechts durch In Gassen, am «Storchen» die Limmat hinab, links hoch zur St. Peter-Hofstatt, den Rennweg runter und die Bahnhofstrasse wieder rauf bis zum Bürkliplatz am See. So ungefähr, mal mit kleinen, mal mit grösseren Variationen.

Die Zürcher Bahnhofstrasse hat sich in den vergangenen Jahren stark verändert
...die Veränderung erreicht soeben eine weitere, brutale Dimension. Das traditionsreiche, aber auch sehr moderne Warenhaus Manor soll umziehen, also Platz machen für Büros und Boutiquen: alles wie gehabt. Damit verschwindet einer der letzten Orte, an dem die Bahnhofstrasse noch von normalen Leuten bevölkert wird.

Sie sprechen die Globalisierung der Innenstädte an.
Richtig. Was bleibt, sind Luxusboxen, die sich auch gern Geschäfte nennen, in denen die Reichsten der Reichen ihr Geld für Schmuck, Uhren und Mode-Luxuslabel loswerden können. Die Bahnhofstrasse in Zürich wird zur Russen-, Araber- und Chinesen-Meile. Wer – wo und wie auch immer – Geld gescheffelt hat, kann sich in Zürich kaufen, was er zwar auf jedem interkontinentalen Flughafen auch erhält, aber eben nicht in der zauberhaften, weltberühmten Zürcher Kulisse: Gucci und Prada und Cartier und Louis Vuitton und Loro Piana und natürlich Burberry, Bulgari und Boss. Kaum sind die geschlossen, ist die Bahnhofstrasse tot.

Der Mechanismus, der diese Entwicklung vorantreibt, ist ganz einfach. Die Mietpreise an der begehrtesten Geschäftsstrasse der Schweiz sind mittlerweile so hoch, dass ein lokales Modegeschäft, ein Comestible-Geschäft oder ein Blumenladen sich das schlicht nicht mehr leisten kann. Sie alle wurden vertrieben.
Letztes Beispiel für diesen traurigen Trend ist das Modegeschäft Day, das sich seit 97 Jahren auf klassische englische Eleganz spezialisiert hatte. Demnächst wird man dort für viel Geld billige Fähnchen kaufen können, deren Wert ausschliesslich in den hochgepushten Markennamen auf Fummeln und Etiketten besteht. So führt der Mietpreis-Wahnsinn an der Bahnhofstrasse zu seinem vorhersehbaren Ende. Die Strasse kollabiert als Lebensraum. Dies aber, lieber Marc Walder, ist kein kleines Problem. Zürich verwandelt sich von einer Stadt, die ihren Bewohnern eine Heimat bietet, zum Standort für Profit-Center globaler Unternehmen. Zürich wird Ort-los.

Was meinen Sie mit Ort-los?
Im Zentrum der Stadt, also «Downtown Zurich», wie die profitgierigen Stadtzerstörer es nennen, fehlen zunehmend die Orte der Begegnung. Am Pfauen, im Gebäude des Schauspielhauses, zieht demnächst eine Filiale von McDonald’s ein. Dieser absolut seelenlose Mampfladen ist das Gegenteil eines Ortes der Begegnung, vor allem der Begegnung von Künstlern und Intellektuellen.

Gibt es denn in Zürich nicht genügend Orte der Kultur?
Zürichs links-grüne Regierung lässt sehenden Auges zu, dass es immer weniger werden. Vor zehn Jahren schloss die Buchhandlung Oprecht an der Rämistrasse. Während der Nazizeit war sie ein Begegnungsort der intellektuellen Emigranten, unter anderem von Thomas Mann, Else Lasker-Schüler, Ernst Bloch, Ignazio Silone. Ein Ort, der unter Denkmalschutz hätte gestellt werden müssen. Wie das Thomas-Mann-Haus in Kilchberg übrigens, das ebenfalls völlig hirnlos preisgegeben wurde. Am Standort Zürich ist man tüchtig im Rechnen. Und ziemlich untüchtig im Denken.
 

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