Auf einen Espresso Wie die Deutschschweiz die Schweiz aus den Augen verliert

FRANK A. MEYER UND MARC WALDER - FRAGEN UND MEINUNGEN ZU DEN THEMEN DER WOCHE.
Frank A. Meyer und Marc Walder
© Thomas Buchwalder

Frank A. Meyer, 70, arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Er lebt in Berlin. Marc Walder, 49, ist CEO der Ringier AG.

Sagen Sie mal, Frank A. Meyer, in der Deutschschweiz herrscht die Tendenz, in der Schule lieber Englisch als Französisch zu lehren… Was halten Sie davon?
Die Deutschschweiz entfernt sich von der Schweiz.

Das tönt paradox.
Wer dem Englischen den Vorzug vor dem Französischen gibt, hat die Schweiz aus den Augen verloren.

Sprechen Sie von der Vielsprachigkeit unseres Landes?
Ich sage es mal so: Wem die französische Schweiz eine fremde Schweiz ist, also eine Fremdsprachen-Schweiz, der hat unser Land nicht verstanden. Es gibt die Schweiz nicht ohne die französische Schweiz und auch nicht ohne die italienische Schweiz. Offensichtlich legt man in der Mehrheitsschweiz keinen Wert darauf, die jungen Menschen mit dieser politisch-kulturellen Tatsache durch Sprachunterricht vertraut zu machen. Das ist beschämend.

Was gibt es gegen das Englische einzuwenden?
Das Erlernen der beiden Sprachen kann man überhaupt nicht vergleichen. Englisch ist das Idiom der globalisierten Welt. Es ist die nützliche Sprache. Man lernt Englisch und spricht Globalesisch. Dagegen ist nichts einzuwenden. Das Französische dagegen ist etwas ganz anderes.

Inwiefern?
Französisch ist für die Schweiz keine Fremdsprache. Es ist eine Landessprache. Französisch-Unterricht ist Kultur-Unterricht. Pathetisch gesagt: patriotischer Unterricht. Die Romandie ist auch «La patrie» der Deutschschweizer. Es geht um das Eintauchen in Geschichte und Kultur der französischen Schweiz, in das Selbstverständnis der Romands. Es geht um das Verständnis, wer und was wir Schweizer sind. Wer sich dagegen verwahrt, ist töricht. Er vergeht sich an der Schweiz.

Es wird behauptet, das Unterrichten von Englisch und Französisch in der Primarschule überfordere die Schüler und sei überdies zu teuer...
Das Niveau dieser Argumentation erschüttert mich. Es zeugt von völliger Geschichtsvergessenheit. Stellen Sie sich vor: In einer Zeit, in der sich der Sinn für Gemeinschaft und Gemeinsamkeit gerade bei der jungen internetsüchtigen Generation mehr und mehr auflöst - in einer solchen Zeit soll ausgerechnet das existenziell Gemeinsame der Schweiz geschwächt werden: die Mehrsprachigkeit! Jeder Entscheid gegen das Französische als erste und wichtigste Zweitsprache ist staatspolitisch verantwortungslos. Und dumm dazu.

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