Auf einen Espresso Über Antirassismus als Witz

FRANK A. MEYER UND MARC WALDER – FRAGEN UND MEINUNGEN ZU DEN THEMEN DER WOCHE.
Frank A. Meyer und Marc Walder
© Foto Thomas Buchwalder

Marc Walder, 48, ist CEO der Ringier AG. Frank A. Meyer, 70, arbeitet als Journalist im Hause Ringier, er lebt in Berlin.

Sagen Sie mal, Frank A. Meyer, erzählen Sie eigentlich ab und zu Witze?
Nein.

Nie?
Nie.

So humorlos?
Ganz im Gegenteil.

Wie – im Gegenteil?
Ich liebe Humor und habe, so behaupten jedenfalls andere, auch selbst durchaus Humor. Deshalb brauche ich keine Witze. Die sind nicht selten nur Humor-Ersatz, eine Art Humor-Krücke für witzlose Menschen.

Sagen Sie mir bitte noch, wie Sie folgenden Witz finden: «Wissen Sie, warum die Italiener so klein sind? Weil ihnen die Mütter stets sagen: ‹Wenn du mal gross bist, musst du arbeiten gehen.›»
Den finde ich blöd.

Berns Stadtpräsident Alexander Tschäppät hat ihn öffentlich zum Besten gegeben – und sich damit den Vorwurf des Rassismus eingehandelt. Ist dieser Witz rassistisch?
Der Vorwurf ist so blöd wie der Witz!

Martine Brunschwig Graf, Präsidentin der Kommission gegen Rassismus, bezeichnete ihn als «indiskutabel» und unterstellte dem Stadtpräsidenten «Ausländerfeindlichkeit». Warum halten Sie diesen Vorwurf für blöd?
Erstens ist der Witz tatsächlich indiskutabel, weshalb mir nicht einleuchtet, dass die Schweiz jetzt darüber diskutiert. Zweitens ist Tschäppät bestimmt nicht ausländerfeindlich, am allerwenigsten italienerfeindlich; er ist nur ein Provinzpolitiker, dessen Humor sich auf Provinzpossen beschränkt. Drittens ist das Peinlichste an dieser ganzen Nicht-Geschichte der Auftritt der Antirassismus-Kommission.

Wie weit darf denn ein Witz auf Kosten einer bestimmten Bevölkerungsgruppe gehen?
Fragen Sie das mal einen Ostfriesen! Diese Volksgruppe an der Nordseeküste lebt seit Jahrzehnten damit, dass sie im deutschen Witz als doof dargestellt wird. Und zwar immer in Frage-Antwort-Form: «Warum nehmen Ostfriesen ein Messer mit ans Meer? Um damit in See zu stechen.» Die witzegeschundene Minderheit revanchiert sich – ebenfalls per Witz: «Was machen Ostfriesen bei Ebbe? Sie verkaufen Bauland an die Österreicher.» Die Präsidentin der Antirassismus-Kommission müsste dies als ostfriesische Ausländerfeindlichkeit rügen. Der Witz richtet sich ja gegen die Österreicher.

Macht die Antirassismus-Kommission nicht einfach nur ihren Job, wenn sie die Gefahr der Diskriminierung aufzeigt?
Die Strafbarkeit von Rassismus gründet in der schrecklichen Erfahrung der Judenvernichtung im «Dritten Reich». Sie richtet sich zunächst gegen die Leugnung des Holocaust und gegen gezielten Antisemitismus, also gegen Wesensmerkmale von Nazismus und Neonazismus. Logischerweise richtet sie sich auch gegen anderen politischen Rassismus, gegen die gezielte Herabwürdigung von Volksgruppen oder Rassen.

Worauf wollen Sie hinaus?
Wenn Martine Brunschwig Graf jetzt in vollem Ernst einen Witz geisselt, dann macht sie sich der Verharmlosung des tatsächlichen Antisemitismus und Rassismus schuldig; sie zerrt diese beiden gefährlichen Erscheinungsformen politischer Hetze auf das Niveau von Witzen herab.

Sie halten nicht viel von der Eidgenössischen Kommission gegen Rassismus?
Ich habe von ihr nichts anderes erwartet. Unter ihrem früheren Präsidenten Georg Kreis verkam die Institution zur Denkpolizei – und das will sie, wie sich gerade wieder zeigt, auch bleiben.

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