Auf einen Espresso Über eine Soap-Opera namens Carlos

FRANK A. MEYER UND MARC WALDER - FRAGEN UND MEINUNGEN ZU DEN THEMEN DER WOCHE.
Frank A. Meyer und Marc Walder
© Thomas Buchwalder

Frank A. Meyer, 70, arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Er lebt in Berlin. Marc Walder, 49, ist CEO der Ringier AG.

Sagen Sie mal, Frank A. Meyer, haben Sie in Berlin vom Fall Carlos gehört? Von diesem jungen Delinquenten, der das Delinquieren offenbar nicht lassen kann?
Ich habe über Wochen versucht, diese bizarre Zürcher Posse en détail nachzuvollziehen, also zu verstehen. Es ist mir nicht gelungen. Geblieben ist mir der Begriff «Sondersetting», der offenbar das sehr spezielle Betreuungsumfeld meint, welches man eigens für dieses Bürschchen geschaffen hat; geblieben sind mir auch die horrenden Summen, welche die Sorge um das seelische Wohl des jugendlichen Messerstechers verschlungen hat. Ferner habe ich noch einen besonders einfältigen Satz des Psychotherapeuten Martin Miller in Erinnerung.

Nämlich?
Er wirft dem Zürcher Justizdirektor Martin Graf charakterliche «Ähnlichkeiten mit Carlos» vor.

Der Justizdirektor, ein Mitglied der Grünen, steht massiv unter Druck. Ihm wird von allen Seiten vorgeworfen, komplett die Kontrolle über den Fall verloren zu haben …
… Martin Graf ist nur einer der vielen überforderten Darsteller in dieser unsäglichen Soap-Opera.

Aber er ist ein wichtiger Darsteller.
Er gibt den Narren im Drama namens «Carlos». Die Rolle des Narren ist im Theater oft sehr wichtig. Aber um Graf geht es längst nicht mehr. Es geht nicht einmal mehr um diesen Carlos.

Sondern? Worum geht es?
Es geht darum, dass unsere Sozialindustrie total entgleist.

Sozialindustrie? Entgleist? Was wollen Sie damit sagen?
Täter sind mittlerweile die Helden aller linksgrünen Sozial- und Seelen-Flickschuster. Um die Delinquenten, wie Sie sagen, kümmert man sich mit einer Hingabe, von der die Opfer, die es ja irgendwo auch immer noch gibt, nur träumen können. Die Carlosse sind die Helden einer Sicht auf die Gesellschaft, die in jedem, der sticht und stiehlt und schlägt und schändet, letztlich nur das Opfer böser Rahmenbedingungen sieht. Der Zürcher Heros, den wir ja stets mit nacktem Oberkörper sportgestählt vorgeführt bekommen, passt wunderbar in dieses Schema vom tollen Kerl, der leider, leider «sozial verunglückt» ist – wie sich Psychotherapeut Miller mit der Milde des Täterverstehers auszudrücken beliebt.

Sie argumentieren hart. Der Versuch der Wiedereingliederung von jugendlichen Straftätern ist doch eine wichtige Errungenschaft.
Sicher. Gegen soziale und psychologische Betreuung von Delinquenten ist nichts einzuwenden. Ganz im Gegenteil. Aber das kann nicht, ja darf nicht 29'000 Franken pro Monat kosten und auch nicht 19'000! Mit solchen Summen wird eine wild wuchernde Branche gepäppelt.

Diese Summen sind in der Tat atemberaubend. Was würden Sie denn mit Tätern vom Typ Carlos machen?
Erstens Gefängnis. Zweitens Betreuung. Drittens Begleitung in der wiedergewonnenen Freiheit. Viertens – wenn all das nicht funktioniert – wieder Gefängnis. Fünftens wieder Betreuung. Sechstens wieder Begleitung in der erneuten Freiheit. Klappt auch das nicht – ein drittes Mal Gefängnis. Bis die Lektion gelernt ist.

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