Auf einen Espresso Über die Medien und ihr Geschwätz von gestern

FRANK A. MEYER UND MARC WALDER - FRAGEN UND MEINUNGEN ZU DEN THEMEN DER WOCHE.
Auf einen Espresso: Frank A. Meyer und Marc Walder
© Thomas Buchwalder

Frank A. Meyer, 70, arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Er lebt in Berlin. Marc Walder, 49, ist CEO der Ringier AG.

Sagen Sie mal, Frank A. Meyer, wie wäre es, wenn wir heute über den früheren deutschen Bundeskanzler Gerhard Schröder redeten?
Das wäre heikel.

Wieso?
Er ist Ihnen Ratgeber, mein Freund und steht dem Haus Ringier nahe. Wir mögen ihn. Wie soll ich da kritisch sein?

Es geht mir nicht darum, Gerhard Schröder zu kritisieren. Es geht mir um die Kritik an Gerhard Schröder: Nach der Wiederwahl seiner rot-grünen Regierung wurde er regelrecht aus dem Amt geschrieben und gesendet. Und zwar - man muss das so sagen - von gleichgeschalteten deutschen Medien. Heute wird er für seine damals so gnadenlos attackierten Reformen gefeiert.
Was heisst gefeiert? Er steht kurz vor der Heiligsprechung! Für die «Agenda 2010» und die Erhöhung des Rentenalters auf 67. Sogar Frankreichs Präsident François Hollande lässt sich heute von Schröders Reformen inspirieren.

Worauf führen Sie diese - sagen wir: spektakuläre - Kehrtwende zurück?
Auf die Erkenntnis, dass Schröders Modernisierung des Arbeitsmarktes und des Sozialsystems die Voraussetzung war für das aktuelle deutsche Wirtschaftswunder. Aber auch auf den Opportunismus der deutschen Medien, die sich vor zehn Jahren, vor allem vor den Wahlen 2005, durch Schwarmdummheit auszeichneten - und die jetzt, sehr verspätet, Schwarmschlauheit an den Tag legen. Ihr Geschwätz von gestern interessiert sie nicht. Aber das gehört zum journalistischen Selbstverständnis.

Sie sprechen vom Schwarmverhalten der Medien, also vom «Einander-Hinterherschreiben». Wie kam das damals?
Journalisten wollen grundsätzlich aufseiten des Siegers stehen, wer immer der Sieger ist. Damals schien Kanzler Schröder schwach, er wurde von allen angegriffen, auch von den Gewerkschaften und seiner eigenen Partei.

Wie bei Schröders Vorvorgänger Helmut Schmidt: Der verlor sein Amt auch durch den Widerstand der SPD.
So ist es nun mal mit der Linken: Wenn sie nicht regiert, bekämpft sie die Regierung. Regiert sie selbst, tut sie es auch. Und die Herausforderin Angela Merkel erschien damals viel stärker, als sie dann bei den Wahlen war. Doch die gefühlte Stärke genügte als Signal für eine systematische Kampagne gegen Schröder, angeführt von den Medien rechts der Mitte: von «Bild» und «Welt» und «Frankfurter Allgemeine» bis hin zur «Neuen Zürcher Zeitung» - denselben Blättern, in denen Sie heute Lobhudeleien über denselben Schröder lesen können.
 

Sie gehen mit den Medien hart ins Gericht. Getäuscht haben sich in dieser hochkomplexen Sache ja nicht nur die Journalisten...
Erstens haben sie sich nicht getäuscht; sie wollten es nicht besser wissen: Schröder musste weg, Merkel musste her! Bei den einen war es Ranschmeisserei an eine Frau, die für sie als Siegerin bereits feststand, bei den anderen war es Ideologie. Zweitens haben Sie recht: Auch Angela Merkel folgte statt ihrer Intelligenz ihrem demagogischen Talent. Von ihr stammt der Satz zu den Schröder-Reformen: «Der grosse Wurf für die Bundesrepublik Deutschland ist das mit Sicherheit nicht.» Merkel hat bisher keinen vergleichbaren Wurf gewagt.

Immerhin anerkennen die Medien heute die historische Dimension von Schröders Reformen.
Es wäre an der Zeit, auch die historische Leistung der rot-grünen Regierung anzuerkennen, die ja noch durch ganz andere Leistungen zur gesellschaftlichen Modernisierung der Bundesrepublik beigetragen hat, zum Beispiel durch die Energiewende, die Merkel zunächst zurücknahm und nach Fukushima ganz opportunistisch erneut inszenierte. Auch da behielt Schröder recht. Aber heilig ist er nicht.

Wie meinen Sie das?
Seine Reformen, die den sozial Schwachen sehr viel abverlangten, geschahen zur selben Zeit, in der sich Bankmanager, Börsenspekulanten und Finanzgangster die Taschen füllten - und die Weltwirtschaft an den Abgrund führten. Das hat auch Schröder nicht gesehen.

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