Auf einen Espresso Über das ungläubige Staunen eines Ungläubigen

Frank A. Meyer und Marc Walder - Fragen und Meinungen zu den Themen der Woche.
Frank A. Meyer und Marc Walder
© Foto Thomas Buchwalde

Marc Walder, 48, ist CEO der Ringier AG. Frank A. Meyer, 39, arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Er lebt in Berlin.

Sagen Sie mal, Frank A. Meyer, Papst Franziskus übt scharfe Kritik an «der Tyrannei eines vergötterten Marktes». Soll sich das Oberhaupt der katholischen Kirche so pointiert zur Wirtschaft äussern?
Es ist das erste Mal, dass mich ein Papst beglückt. Als geborener Protestant, heutiger Agnostiker und Laizist stehe ich dem Vatikan ja doch sehr kritisch gegenüber. Aber jetzt muss ich einräumen: Für die katholische Kirche bedeutet das Apostolische Schreiben «Evangelii Gaudium» eine Hinwendung zur Wirklichkeit.

Erklären Sie das.
Bisher lief die Kritik der Päpste an sozialen Missständen stets auf Barmherzigkeit mit den Armen und Schwachen hinaus. Franziskus dagegen redet von den Strukturen des entgrenzten Kapitalismus: von der Unterwerfung des Menschen unter die Gesetze der Ökonomie. Im Marktradikalismus erblickt er sogar eine Gegenreligion, darum sein Ausdruck «vergötterter Markt»; und auch das Totalitäre daran hat er im Blick, darum der Begriff «Tyrannei». Man erkennt: Da sitzt einer auf dem Stuhl Petri, der die ökonomische Fehlentwicklung in dieser Welt ernst nimmt, der nicht Trost und Vertröstung spendet, sondern grundlegende Veränderung fordert.

Dass der Papst derart kompromisslos mit den Marktmächten ins Gericht geht, ist in dieser Härte mehr als ungewöhnlich. Wird seine Stimme in dieser kirchenfernen Sphäre überhaupt gehört?
Die «Neue Zürcher Zeitung», das Zentralorgan der Marktreligiösen, zeigt sich auf jeden Fall irritiert. Ich zitiere die NZZ: «Einen zwiespältigen Eindruck hinterliess die ungewöhnlich harsch und polemisch vorgetragene Kapitalismuskritik des Papstes …»

Wie erklären Sie sich diesen Papst und dessen Werte?
Franziskus kommt aus Argentinien. Lateinamerika ist der Kontinent der Befreiungstheologie. Dort kämpfte einst Leonardo Boff gegen Diktatur und Ausbeutung – und deshalb immer auch gegen Rom. An Franziskus ist dieser jahrzehntelange Kampf nicht spurlos vorübergegangen. Er gehörte zwar nicht zu den Befreiungstheologen. Aber er musste sich mit ihnen auseinandersetzen. Darum verfügt er heute über das intellektuelle Besteck, um die Perversion des Kapitalismus durch den Marktwahn zu durchdringen.

Sie werden das Apostolische Schreiben gerne gelesen haben.
Wie meinen Sie das?

Sie haben schon in den 90er-Jahren von der Vergötterung des Marktes geschrieben …
… darum sage ich ja auch, lieber Marc Walder, dass mich zum ersten Mal ein Papst beglückt. Ich analysierte den Marktradikalismus, von seinen Verfechtern auch Neoliberalismus genannt, schon damals als «religiös besetzte Ideologie», auch als «totalitäre Ideologie» – und war ziemlich einsam mit meinen Kolumnen. Die «Bilanz» bezeichnete mich als «BallenbergÖkonom», als einen Journalisten von vorgestern. Dabei war ich womöglich nie aktueller.

Nun fühlen Sie sich vom Papst «beglückt». Das gönne ich Ihnen nach so vielen Jahren der päpstlichen Frustration. Im Ernst: Der Papst geht hier ein ganz zentrales, aber doch eher unreligiöses Thema an.
Mich bestätigt «Evangelii Gaudium» natürlich, denn Franziskus geisselt darin nicht nur die Unterordnung von allem und jedem unter die Ökonomie, sondern auch die Entwertung des Menschen, der sich ökonomisch nicht rechnet – der zu wenig leistet, der erfolglos ist, der arm ist, den man nicht braucht und der deshalb als wertlos betrachtet wird. Der Papst prangert an, dass der Mensch wie ein Konsumgut behandelt wird, das man benutzen und wegwerfen könne. Da weiss einer, wovon er spricht.

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