Auf einen Espresso Über die Schweiz als publizistisches Schlaraffenland

FRANK A. MEYER UND MARC WALDER - FRAGEN UND MEINUNGEN ZU DEN THEMEN DER WOCHE.
Frank A. Meyer und Marc Walder
© Thomas Buchwalder

Frank A. Meyer, 70, arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Er lebt in Berlin. Marc Walder, 48, ist CEO der Ringier AG.

Sagen Sie mal, Frank A. Meyer, in Ihren Reden und Kolumnen zitieren Sie ja oft und gern die NZZ. Lieben Sie eigentlich die «Neue Zürcher Zeitung»? Oder ärgern Sie sich nur darüber?
Vor allem lese ich sie. Jeden Tag um sechs Uhr früh. Nach meinem Morgenwalking um den Lietzensee in Berlin-Charlottenburg finde ich die internationale Ausgabe in meinem Briefkasten.

Womit Sie aber die Frage noch nicht beantwortet haben …
Also gut: Ich mag die NZZ, wie man etwas mag, auf das man nicht verzichten möchte.

Die Aktionäre der NZZ-Mediengruppe, zu der auch die «Neue Luzerner Zeitung» oder das «St. Galler Tagblatt» gehören, hatten letzten Samstag Generalversammlung. Sie beschlossen, dass auch künftig nur NZZ-Aktionär werden kann, wer FDP-Mitglied ist – oder sich zumindest zur freisinnig-demokratischen Grundhaltung bekennt und keiner anderen Partei angehört. Finden Sie das noch zeitgemäss?
Ich finde es NZZ-gemäss. Deren journalistisches Selbstverständnis leitet sich aus ihrer Aktionärsstruktur ab – und spiegelt sich darin.

Die damit verbundene Zementierung der NZZ als Parteizeitung …
… da muss ich Ihnen widersprechen!

Bitte sehr!
Die NZZ ist keine Parteizeitung. Mir selbst war sie in den vergangenen Jahren sogar zu wenig freisinnig. Sie öffnete ihre Spalten vielmehr dem Rechtspopulismus und damit der SVP, indem sie diese ganz und gar antibürgerliche Bewegung unterschätzte und verharmloste. Auch sonst ist der NZZ-Journalismus nicht einfach nur freisinnig. Dazu ist er zu gescheit. Ich entdecke in dieser Zeitung jeden Tag ein beträchtliches Mass an ideologisch ungebundener Intelligenz.

Haben Sie ein Beispiel?
Aber sicher. Auf der Seite «Börsen und Märkte» vom 28. April las ich über Andrew Haldane, den künftigen Chefökonomen der Bank of England, der mit den neoliberalen Befürwortern des Marktradikalismus abrechnet – und das ausgerechnet im Wirtschaftsteil der NZZ, der sich jahrelang ebendiesem Marktradikalismus verschrieben hatte! Für mich ist das ein beeindruckendes Beispiel echter journalistischer Kultur.

Zurück zur Besitzerschaft der NZZ-Gruppe und ihrer Parteiklausel. Die wird ja noch ergänzt durch die Bestimmung, dass jeder Aktionär maximal ein Prozent der Anteile halten darf: eine doppelte Einschränkung. Finden Sie auch das noch «NZZ-gemäss»?
Ganz wunderbar finde ich es.

Meinen Sie das jetzt im Ernst?
Sie wissen genauso gut wie ich, welche Gefahren die Freiheit der Medien bedrohen: Einerseits haben es rechtspopulistische Kreise auf sie abgesehen. Sie versuchen, ihre Medienmacht durch den Kauf von Zeitungen zu steigern – manchmal direkt, manchmal über Strohmänner, manchmal über gefügige Chefredaktoren. Ihre Traumbeute in der Schweiz wären die «Neue Zürcher Zeitung» und natürlich auch der «Blick», am liebsten gleich beide. Die journalistische Freiheit der NZZ gründet auf der beschränkten Freiheit ihrer Aktionäre.

Und was ist die andere Gefahr?
Die Unmengen von Geld, mit denen Oligarchen und Fonds von Kasachstan über Dubai bis Zug und Genf um sich werfen. Auch die sind süchtig nach Medienmacht, die ihre Geldmacht journalistisch umschmeicheln soll. Diese neureichen Geldgauner kaufen sich eine Zeitung, wie sie ihren Gattinnen ein Louis-Vuitton-Täschchen umhängen.

Immer weniger internationale Medienunternehmen sind noch im Besitz eines Verlegers, einer Verleger-Familie oder eines staatspolitisch verantwortungsbewussten Aktionariats wie bei der NZZ …
… die Schweizer Demokratie ist, was ihre journalistische Vielfalt betrifft, ein medienpolitisches Schlaraffenland. Wobei diese Vielfalt mindestens so wichtig ist wie die direkte Demokratie selbst.

Warum ist das so?
Weil die Medienfreiheit die Meinungsvielfalt garantiert und dadurch erst die kulturelle Grundlage für die Demokratie schafft, insbesondere für die direkte Demokratie.

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