Auf einen Espresso Über Ausbildung ohne Bildung

FRANK A. MEYER UND MARC WALDER - FRAGEN UND MEINUNGEN ZU DEN THEMEN DER WOCHE.
Frank A. Meyer und Marc Walder
© Thomas Buchwalder

Marc Walder, 48, ist CEO der Ringier AG, Frank A. Meyer, 70, arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Er lebt in Berlin.

Sagen Sie mal, Frank A. Meyer, der Bundesrat will die Berufsbildung stärken, vor allem aber ihren Kern, die Berufslehre. Was halten Sie davon?
Es ist höchste Zeit.

Höchste Zeit?
Die 68er hatten den Universitätsabschluss zum erstrebenswertesten aller Bildungsziele erklärt. Das war auch verständlich, denn Arbeiterkinder fanden zu jener Zeit nur schwer den Weg an die Universitäten. Doch die Entwicklung, die damals ausgelöst wurde, führte zu einer Abwertung der Berufslehre: Wer «nur» Mechaniker wird oder Wirtschaftsinformatiker oder Schreiner oder Treuhandexperte oder Pflegefachfrau, platziert sich in der unteren Liga der Gesellschaft. Ein akademischer Titel zählt auf jeden Fall mehr, auch wenn Akademiker wie Eier in Legebatterien produziert werden, beispielsweise die BWL-Absolventen von St. Gallen.

Urteilen Sie da nicht etwas gar streng über die HSG-Studenten?
Das Fach Betriebswirtschaftslehre ist nun mal exemplarisch für Akademismus ohne Bildung.

Was meinen Sie denn jetzt damit?
Ich meine, dass der universitäre Weg durch zunehmende Verschulung nur noch eine Schmalspur-Ausbildung bietet: Intellektuell kurzatmige Knaben und Mädchen werden als «Bachelor» oder «Master» auf Unternehmen losgelassen. Lästigstes Beispiel dafür sind die Rollkoffer-Kommandos unzähliger Beraterfirmen, die für kurze Zeit die Chefetagen von Firmen entern, nach ein paar Monaten wieder verschwinden und nichts als nutzlose Powerpoint-Präsentationen hinterlassen.

Und? Wofür plädieren Sie?
Ich plädiere für die Ausbildung und den Einsatz junger Menschen, die wirklich wissen, was arbeiten bedeutet; die in einem Unternehmen praktische Erfahrungen gesammelt und sich dabei sogar die Hände schmutzig gemacht haben; die ganz konkretes Wissen aus der ganz konkreten Praxis mitbringen und nicht zuletzt Sozialkompetenz.

Wie wäre dieses Ziel zu erreichen?
Der gesellschaftliche Status der Berufsabsolventen muss dringend angehoben werden. Immerhin haben sie gelebtes Leben vorzuweisen, und das ist mehr wert als ein flott hingelegter Bachelor-Abschluss.

Ich verstehe Ihre Botschaft. Ein Haupthindernis dieser Anhebung des gesellschaftlichen Status der Berufslehre dürfte allerdings die Lohnschere zwischen Akademikern und Nicht-Akademikern sein – die wird ja eher grösser als kleiner.
Es ist tatsächlich grotesk, was ein Unternehmensberater oder ein Banker heute im Vergleich zu einer Krankenschwester garniert.

Wenn ich Ihnen so zuhöre, lieber Herr Meyer, scheint die Schweiz mit ihrer Berufsbildungs-Offensive ja auf dem richtigen Weg zu sein?
Leider muss ich einen Wermutstropfen in Ihren Wein giessen.

Weshalb?
Beim Massnahmenpaket des Bundesrates handelt es sich um eine Ausbildungs-Offensive – und nicht um eine Bildungs-Offensive! Sowohl an den Universitäten wie an den Berufsschulen und Fachhochschulen wird kaum noch Wert auf wirkliche Bildung gelegt. Ausbildung ohne Bildung, also ohne Einbettung des Gelernten in einen sozialen und kulturellen Zusammenhang, dient zwar kurzfristig der Wirtschaft, nicht jedoch langfristig der Gesellschaft.

Was ist Ihre Schlussfolgerung?
Wir brauchen nicht nur ausgebildete, sondern gebildete Menschen. Bildung ist dreidimensional: Sie umfasst praktisches Wissen, kulturelle Breite und historische Tiefe. Unsere Bildungsinstitutionen jedoch vermitteln praktisch nur noch eine Dimension: das Wissen der Jetzt-Zeit.

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