Auf einen Espresso Über Sex, Bier und politische Reife

FRANK A. MEYER UND MARC WALDER - FRAGEN UND MEINUNGEN ZU DEN THEMEN DER WOCHE.
Frank A. Meyer und Marc Walder
© Thomas Buchwalder

Frank A. Meyer, 70, arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Er lebt in Berlin. Marc Walder, 48, ist CEO der Ringier AG.

Sagen Sie mal, Frank A. Meyer, die SP fordert jetzt das Stimm- und Wahlrecht für 16-Jährige – was halten Sie davon?
Nichts.

Ach so? Ich hätte gewettet, dass Sie dafür sind …
… die Demokratie ist kein «Wetten, dass …?»

Sogar Didier Burkhalter ist für Stimmrechtsalter 16. Der Bundespräsident begründet es so: «Die Jugend ist das Herzstück der Schweiz von morgen.»
Dieser Satz ist ein klassischer Leer-Satz. Jede Jugend war ein Herzstück der Schweiz von morgen; seit Tausenden von Generationen ist die Jugend das Herzstück der Welt von morgen. Was soll also solches Geplapper?

«16-Jährige dürfen in der Schweiz legal Bier trinken und Sex haben», sagt Juso-Chef Fabian Molina und fragt: «Warum also nicht an Abstimmungen und Wahlen teilnehmen?»
Seine Begründung ist derart infantil, dass ich mir die Frage stelle, ob dieser Jüngling selber reif für das Stimmrecht ist. Was haben Sex und Bier mit Bürgerreife zu tun?

Immerhin ist er Präsident der Jugendorganisation einer grossen Partei.
Er ist ein Student, dessen Lebenserfahrung sich auf Hörsaalerfahrung beschränkt. Schön wäre, die Jusos hätten einen Lehrling oder einen Facharbeiter als Vorsitzenden! Wer sich an der Werkbank oder im Büro ausbilden lässt und dort sein Geld verdient, also in der Lebenswirklichkeit, der ist tatsächlich früher reif für politische Mitbestimmung. Lieber Marc Walder, wir sollten grundsätzlicher über den Reifeprozess der Jugend von heute reden.

Tun Sie es doch!
Ich bin für die Heraufsetzung des Stimmrechtsalters.

Donnerwetter! Im Ernst?
Im Ernst. Und zwar auf das Mindestalter von 20 Jahren.

Das müssen Sie begründen.
Weil die Menschen heute länger leben, reden wir von einer Überalterung der Gesellschaft. Die demografische Veränderung bedeutet aber auch, dass Kindheit und Jugend länger dauern. Höheres Rentenalter und höheres Stimmrechtsalter entsprechen dieser Entwicklung. Die Infantilisierung der Heranwachsenden durch das Internet kommt als Problem hinzu.

Durch das Internet?
Diese faszinierende Spielwiese ist eben genau das: eine Spielwiese – unernst, amüsant, spannend, auch vulgär. Denken Sie nur an die Shitstorms, in denen sich jeder Schnösel nach Herzenslust austoben darf, weil er weiss: Das Internet ist virtuell. Es verführt zum Handeln ohne Konsequenzen und ohne Verantwortung. Politik jedoch braucht Verantwortung und hat Konsequenzen. Ich gönne den Kindern eine längere Kinderzeit, den Studenten eine längere Studentenzeit, der Jugend eine längere Jugendzeit. Doch müssen wir auch die Folgen berücksichtigen. Die spätere Reife der Jugend.

Gewagte These! Haben Sie Belege?
Ja, die habe ich.

Welche?
Die Piratenpartei in Deutschland war ein Versuch von Netz-Jugendlichen, eine politische Bewegung aufzubauen. Der Versuch misslang erbärmlich, weil sich die politischen Kindersoldaten in der politischen Erwachsenenwelt nicht zurechtfanden.

Und früher war sowieso alles besser, nicht wahr …?
… nichts war früher besser. Ich zum Beispiel war politisch frühreif. Und trotzdem erst mit 20 reif genug für die praktische Politik.

Was heisst reif?
Jahrelang genoss ich eine strenge Erziehung durch politische Väter und Mütter. Denn die demokratische Kultur ist sehr anspruchsvoll. Sie muss vermittelt werden. Zum Citoyen wird man erzogen: durch Menschen, die im Leben stehen, und durch das Leben selbst. So gesehen ist Bürgerreife das Gegenteil von Biertrinken und Sexhaben.

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