Auf einen Espresso Über das Schweigen der Wirtschaft - und die Kapitulation des Freisinns

FRANK A. MEYER UND MARC WALDER - FRAGEN UND MEINUNGEN ZU DEN THEMEN DER WOCHE.
Frank A. Meyer und Marc Walder
© Thomas Buchwalder

Frank A. Meyer, 69, arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Er lebt in Berlin. Marc Walder, 49, ist CEO der Ringier AG.

Sagen Sie mal, Frank A. Meyer, zwei Wochen nach der Entscheidung über die Masseneinwanderungs-Initiative fragen sich viele: Wo war eigentlich die Wirtschaft im Abstimmungskampf? Haben Sie sie gesehen?
Geld aus der Wirtschaft war da. Köpfe fehlten.

Heinz Karrer hat als neuer Präsident des Wirtschafts-Dachverbandes Economiesuisse immerhin frischen Wind gebracht …
… ein Lüftchen, mehr nicht. Doch nichts gegen Heinz Karrer. Er hat wenigstens «bella figura» gemacht, mit Betonung auf «bella». Inhaltlich waren seine Beiträge in diesem Abstimmungskampf hübsch-nett.

Was haben Sie vermisst?
Die Kraft.

Vielleicht steht Karrer ja auch etwas gar alleine da als Vertreter der Schweizer Wirtschaft …
… genau das ist das grosse Problem: Es fehlen die Kämpfer, die in unserer Realwirtschaft verwurzelt sind, vor allem die Unternehmer, aber auch glaubwürdige Manager. Es fehlen Persönlichkeiten, die nicht nur in einer Abstimmungskampagne plötzlich die Schweiz entdecken, sondern die sich das ganze Jahr hindurch sichtbar für das Land einsetzen, sei es politisch, sei es gesellschaftlich, sei es kulturell. In der Schweiz fehlt heute der Typus des «Unternehmer-Citoyens».

Ich stimme Ihnen zu. Dabei wäre die Schweiz ja eigentlich voll von Unternehmern, die kleinere und grössere Betriebe führen – und dies häufig in exzellenter Weise!
Das Fehlen von umfassend gebildeten und engagierten Führungsfiguren ist ein fatales Manko unserer Wirtschaft. Sie überlässt ihre Interessen Verbandsfunktionären, Lobbyisten und PR-Agenturen.

Was ist da Ihrer Meinung nach falsch gelaufen?
Wir erleben das Resultat einer Fehlentwicklung. Mehr als zwei Jahrzehnte lang, seit die Globalisierung Anfang der 1990er-Jahre so richtig in Fahrt kam, führte in der Schweizer Wirtschaft die Finanzwirtschaft das grosse Wort – zusammen mit den Vertretern einiger weniger Weltkonzerne. Mit arrogantem Machtgehabe erstickten sie jede kritische Wortmeldung aus der KMU-Realwirtschaft im Keim. Das Geschwätz dieser «Masters of the Universe» klingt uns bis heute in den Ohren. Inzwischen haben zwar die Ospels abgedankt, aber niemand aus der vernünftigen und gescheiten Unternehmerschaft ist an ihre Stelle getreten.

Gäbe es da nicht noch eine Partei, welche die Werte der Wirtschaft, wie Sie sie soeben beschrieben haben, politisch umsetzen könnte?
Ja, es gäbe eine solche Partei. Aber, lieber Marc Walder, Sie wählen nicht zufällig die Möglichkeitsform für Ihre Frage: In Wirklichkeit gibt es diese Partei nicht mehr.

Da sind Sie aber etwas gar streng mit der FDP!
Der Freisinn, der einst die Wirtschaft durch die Untiefen der Gesellschaft lotste, hat abgedankt. Wenn ich Ihnen dafür das aktuellste Beispiel nennen dürfte …

… bitte sehr!
Nach der Annahme der Einwanderungs-Initiative fiel der FDP nichts anderes mehr ein als die Forderung, Blocher müsse nun als «Sonderstaatssekretär» die Verhandlungen mit Brüssel führen. Ein Aberwitz. Die Kapitulation der einstigen Schweizer Staatspartei.

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