Auf einen Espresso Über den Zerfall der Gesellschaft - unten und oben

FRANK A. MEYER UND MARC WALDER - FRAGEN UND MEINUNGEN ZU DEN THEMEN DER WOCHE.
Frank A. Meyer und Marc Walder
© Thomas Buchwalder

Marc Walder, 48, ist CEO der Ringier AG Frank A. Meyer, 70, arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Er lebt in Berlin.

Sagen Sie mal, Frank A. Meyer, Sie leben ja nun seit fast zehn Jahren in Berlin. Die ganze Zeit war Klaus Wowereit Ihr Bürgermeister. Jetzt tritt er zurück. Ist das gut oder schlecht?
Vor allem ist es bedauerlich: Er war ein herausragender Regierungschef.

Was war an ihm so herausragend?
«Wowi», wie ihn alle nennen, verkörperte das neue Berlin auf ganz persönliche Art: als Metropole, die sich global einen geradezu sensationell guten Namen machte. Für Menschen, die den Aufbruch suchten, wurde die Hauptstadt des Nazi-Reichs und Frontstadt des Kalten Krieges sogar zum Sehnsuchtsort. Wer ausbrechen wollte aus fest gefügten Verhältnissen – der kam nach Berlin.

Also ein Verlust, dass er geht?
Aber auch eine Chance. Denn immer deutlicher zeichnen sich in Berlin die Probleme vieler europäischer Metropolen ab, die einer harten Hand bedürfen. Aber die hat Wowi nun einfach nicht. Sein berühmtes Diktum lautete: Berlin sei «arm, aber sexy». Man muss das geflügelte Wort heute leider umformulieren: Die Stadt ist «arm, aber verlottert».

Ich war kürzlich in Paris, ebenfalls ziemlich verlottert …
Das meine ich damit, dass Berlin das Schicksal vieler anderer europäischer Städte teilt – und zwar drastisch. Ich gebe Ihnen dazu ein Beispiel, schwarz auf weiss.

Schwarz auf weiss?
Letzten Mittwoch widmete die «Bild-Zeitung» dem Rücktritt von Klaus Wowereit fünf Seiten – und weiter hinten, im Berliner Lokalteil, behandelte sie auf zwei Seiten die Wirklichkeit von Deutschlands Hauptstadt.

Was meinen Sie damit?
Auf der einen Seite zeigte sie Lampedusa-Flüchtlinge, die sich weigern, Berlin zu verlassen. Auf einem Bild ist ein junger Mann mit dem T-Shirt «Lampedusa in Berlin» zu sehen, der von einer Mauer herabpinkelt und so seine Verachtung des Rechtsstaats zum Ausdruck bringt; auf einem anderen Foto sieht man eine linksgrüne Demo, die sich für diese revoltierenden Asylanten einsetzt. Die zweite «Bild»-Geschichte handelt von einem Messermord am Alexander-Platz; ein junger Täter erstach dort ein junges Opfer; nur eine weitere Gewalttat auf dem berühmten Platz mit dem Fernsehturm; Berlin wird von Jugendgewalt und Randale heimgesucht.

Worauf wollen Sie hinaus?
Linksgrüne Politiker, linksgrüne Anwälte und linksgrüne Richter tragen seit Jahren dazu bei, indem sie die Täter zu Opfern umdeklarieren. Das ist das andere Berlin. Aber hoffentlich nicht die Zukunft dieser Stadt – und anderer Städte in Europa.

Sie stellen generell einen Zerfall der Ordnung in den europäischen Metropolen fest?
Richtig. Und zwar nicht nur am unteren Rand der Gesellschaft.

Sondern?
Die Zivilisation zerfällt auch dort, wo das Geld herrscht. In Berlin breitet sich eine vulgäre Szene reicher Russen aus. Ebenso unangefochten haben sich mächtige Sippen aus der Türkei und dem arabischen Raum etabliert. Sie halten sich für das Gesetz – und die Polizei hält sich von ihnen fern. Die Schweiz kennt das Phänomen übrigens auch. Nur sind es bei uns millionenschwere Oligarchen von Kasachstan bis Katar, die von bürgerlichen Kreisen gehätschelt werden, trotz der zwielichtigen Herkunft ihrer Reichtümer.

Sie übertreiben.
Ich übertreibe nicht: Die Metropolen des Westens sind heute Asylhochburgen dubioser superreicher Zuwanderer.

Was wäre dagegen zu tun?
Die Städte brauchen charakterfeste Politiker, eine konsequente Polizei, scharfe Staatsanwälte, entschlossene Richter: Gegen Rechtsstaatverächter von unten und Geldgangster von oben.

Und Berlin?
Berlin braucht einen Sheriff.

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