Auf einen Espresso Über das Spiel auf dem Rasen und das Spiel mit der Macht

FRANK A. MEYER UND MARC WALDER - FRAGEN UND MEINUNGEN ZU DEN THEMEN DER WOCHE.
Frank A. Meyer und Marc Walder
© Thomas Buchwalder

Marc Walder, 48, ist CEO der Ringier AG Frank A. Meyer, 70, arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Er lebt in Berlin

Sagen Sie mal, Frank A. Meyer, heute erwische ich Sie wohl auf dem linken Fuss.
Wieso?

Heute reden wir über Fussball. Eines der wenigen Themen, von denen Sie nichts verstehen.
Von Fussball versteht jeder etwas. Mehr noch, lieber Marc Walder: Alle, die im Stadion und vor dem Bildschirm sitzen, sind kompetenter als Jogi Löw oder Ottmar Hitzfeld. Also auch ich.

Dann frage ich: Wer wird Weltmeister?
Belgien.

Ich staune. Belgien gilt unter Fussball-Experten tatsächlich als Geheimtipp.
Sehen Sie: Ich bin Experte. Einer von Millionen.

Noch eine Frage: Sepp Blatter wird definitiv nochmals als Fifa-Präsident kandidieren, das wäre seine fünfte Amtszeit. Einverstanden mit diesem Entscheid?
Ich wollte schon mal eine Kolumne über Sepp Blatter schreiben. Unter dem Titel: «Sepp, es reicht».

Und was ist daraus geworden?
Inzwischen bin ich klüger: Sepp Blatter wird immer wieder kandidieren, solange er kann. Und er ist Walliser, also kann er mindestens bis ins 110. Altersjahr. Dann aber tritt mit ihm wohl die ganze Fifa ab. Denn er ist ihr Schicksal.

Was Joseph S. Blatter in den ver- gangenen vier Amtsperioden aus der Fifa gemacht hat, ist beeindruckend. Abgesehen davon mag ich ihn. Sie auch?
Ich sage Ihnen mal, wie ich ihn kennengelernt habe.

Gerne.
Ich betrete den Grill im Hotel Regent in Hongkong. Da sitzt Blatter, mit dem ich nie persönlich Kontakt hatte. Er guckt mich an, steht auf, kommt auf mich zu, umarmt mich und sagt: «Tschau, Frank, wunderbar, dass du hier bist.» Damit waren wir per Du. Und verbrachten tolle Stunden mit guten Gesprächen. So funktioniert der Präsident der Fifa: Er erobert Menschen.

Und was meinen Sie dann, wenn Sie sagen: «Er ist das Schicksal der Fifa»?
Sepp Blatter hat die Fifa gross gemacht, zur sportlichen Weltmacht und zu einem gigantischen Geschäft. Diese Globalisierung aber beschert der Fifa die gleichen Probleme wie der Finanzwirtschaft und der Google-Wirtschaft.

Das müssen Sie präzisieren.
Alle drei sind ins Grenzenlose vor- gestossen, in Räume, in denen keine Gesetze herrschten, in denen keine Kontrolle funktionierte, in denen keine Moral galt. In diesen leeren Räumen setzten Fifa, Finanzwirtschaft und Google-Wirtschaft ihre eigenen Regeln. Sie fühlten sich abgehoben von den Niederungen der Politik und des Rechts – als Herren der Welt. Und sie haben jedes Mass verloren. Nun werden sie wieder eingefangen: durch Kritik und Politik, auch durch Gesetze und Gerichte.

Die Globalisierung des Fussballs, von der Sie sprechen, erachte ich als grosse Errungenschaft von Sepp Blatter.
Da haben Sie gewiss recht.

Aber?
Die Errungenschaften dieser Globalisierung überfordern sogar die Imperatoren solcher Konstrukte wie Eric Schmidt von Google, Marcel Ospel von der UBS, Richard Fuld von Lehman Brothers oder eben Sepp Blatter von der Fifa. In den USA lautete die Parole der Pioniere einst: «Go West!» Pionier Blatter handelte nach dem Motto: «Go World!» Doch die Strukturen der Fifa blieben provinziell.

Blatter hat immer wieder versucht, die Strukturen der Fifa umgehend jeder neuen Realität anzupassen.
Ich negiere die Bemühungen dieses geborenen Machtmenschen aus den Bergen keinesfalls. Aber eine seriöse Globalisierung der Fifa konnte in dieser kurzen Zeit nicht gelingen. Der Weltfussballverband muss sich mit Ungleichzeitigkeiten auseinandersetzen, die auch die Weltpolitik heimsuchen: Die afrikanischen Kulturen leben in anderen Zeiten als die Kulturen Westeuropas. Dasselbe gilt für die islamischen Kulturen, vor allem in ihrer arabischen Ausprägung. Katar 2022 ist daher kein Fifa-Betriebsunfall. Es musste so kommen. In dieser Weltgegend sind Despotismus und Sklaverei immer noch selbstverständlich. Die Katar-WM spielt im klimatisierten Mittelalter.

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