Auf einen Espresso Über Beschränktheit und Grössenwahn

FRANK A. MEYER UND MARC WALDER - FRAGEN UND MEINUNGEN ZU DEN THEMEN DER WOCHE.
Frank A. Meyer und Marc Walder
© Thomas Buchwalder

Frank A. Meyer, 70, arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Er lebt in Berlin. Marc Walder, 48, ist CEO der Ringier AG.

Sagen Sie mal, Frank A. Meyer, das Schweizer Volk hat Nein gesagt zur Beschaffung eines neuen Kampfflugzeuges. War das ein weiser Entscheid?
Ja, wahrscheinlich war das ein weiser Entscheid – politisch gesehen. Was die Armee betrifft, war er nicht weise. Denn wenn die Armee etwas braucht, dann bestimmt eher Flugzeuge als Panzer. Putin wird nicht über den Rhein setzen, aber möglicherweise muss irgendwann einmal der Schweizer Luftraum wegen einer terroristischen Attacke gesperrt werden.

Während des Weltwirtschaftsforums in Davos macht die Luftwaffe dies bereits seit Jahren …
... genau das meine ich nicht.

Und was meinen Sie?
Der Einsatz unserer Luftwaffe am Davoser Manager-Karneval ist ein Missbrauch der Armee. Er dient nur der Hybris des Veranstalters.

Immerhin macht hier ein Einsatz im Dienste der Sicherheit Sinn. Wozu dienen Schweizer Kampfjets denn sonst noch?
Sie dienen eben nicht mehr allein der Schweiz.

Ich verstehe Sie nicht.
Die Luftraumverteidigung ist nur noch gesamteuropäisch zu rechtfertigen. Zwar ist für unsere Anti-Europäer Brüssel bereits das neue Moskau – doch weiss man im Nato-Hauptquartier, wie eine Schweizer Armee auszusehen hätte, die ins kontinentale Verteidigungsdesign passt. Man sollte vielleicht mal dort nachfragen, welche Kampfmittel, welche Ausrüstung die Schweiz braucht. Auf jeden Fall bedarf unsere Armee einer Europa-Integration, um überhaupt noch Sinn zu machen.

Sie sagen damit eigentlich, dass Verteidigungspolitik Europapolitik ist.
Womit wir bei unserem Verteidigungsminister Ueli Maurer wären, der die Bürger auf seiner Gripen-Tournee mit einem Kinder-Chalet ohne Dach gewinnen wollte – der Kampfjet aus Schweden als Dach der Schweiz.

Das mit dem Chalet ohne Dach war keine unoriginelle Idee …
... es war Real-Satire. Maurer appellierte an das reflexartige «Ja» der Bürger zur Armee. Doch leider, leider, leider leben wir in Zeiten, die Bekenntnissen zur Schweiz von gestern nicht gerade hold sind: Das Bekenntnis zum Bankgeheimnis gilt nicht mehr – nun geht es dem Bekenntnis zur Armee genauso. Es bedarf deshalb schon einer gewissen intellektuellen Anstrengung, den Zweck eines Rüstungsgeschäfts wie des Gripen überzeugend darzulegen.

Ueli Maurer trauen Sie das nicht zu?
Sagen wir es mal so: Unser Verteidigungsminister vertritt die isolationistische Schweiz, also denkt er nicht sehr weit, sondern eher beschränkt. Er beschränkt sich im Denken. Diese Haltung hat seine Partei, die SVP, zur grössten Partei der Schweiz gemacht. Ueli Maurers Beschränktheit deckt sich mit der Beschränktheit der SVP. Insofern vertritt er im Bundesrat eine absolut legitime Position.

Aber?
Seine Enge ist der Armee jetzt zum Verhängnis geworden.

 
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