Auf einen Espresso Über die zwei Seiten des Hans Fehr

FRANK A. MEYER UND MARC WALDER - FRAGEN UND MEINUNGEN ZU DEN THEMEN DER WOCHE.
Frank A. Meyer, auf einen Espresso
© Thomas Buchwalder

Frank A. Meyer, 69, arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Er lebt in Berlin. Marc Walder, 48, ist CEO der Ringier AG.

Sagen Sie mal, Frank A. Meyer, ich nehme an, Sie putzen Ihre Wohnung in Berlin nicht selbst. Was zahlen Sie Ihrer Putzfrau?
Anja, der wir unsere Wohnung anvertrauen, ist Polin. Sie arbeitet als Angestellte eines Reinigungsinstituts, bezieht einen normalen Lohn und ist sozialversichert. Sie kostet uns 21 Euro die Stunde, also knapp 26 Franken.

Ausgerechnet Hans Fehr, der Asyl-Hardliner der SVP im Nationalrat, beschäftigte jahrelang eine abgewiesene Asylbewerberin als Putzfrau - schwarz, ohne Sozialbeiträge und Steuern für sie abzuführen. Was sagt uns das?Hans Fehr hat, gemeinsam mit seiner Gattin Ursula, menschlich gehandelt.

Wie bitte?
Ja, ganz menschlich. Die beiden verhalfen einer serbischen Asylantin zu Arbeit. Sie zahlten ihr offenbar einen Lohn, wie das üblich ist in derlei Fällen, und behandelten sie auch sonst anständig.

Immerhin dürften die Fehrs gegen Gesetze verstossen haben. Finden Sie das in Ordnung?
An den Gesetzen ist wohl kaum etwas auszusetzen. Aber die Fehrs befanden in einem Zwiespalt - und entschieden sich für die 31-Jährige aus dem Kosovo. Wären sie dem Gesetz gefolgt, hätten sie die Frau vom Balkan gar nicht beschäftigen dürfen. Ich habe Respekt vor dieser Entscheidung. Ursula Fehr, Gemeindepräsidentin von Eglisau, hat sogar schriftlich eine dauerhafte Aufenthaltsbewilligung für die junge Serbin befürwortet.

Genau deshalb wirft man ihr jetzt Amtsmissbrauch vor.
Hätte sich Frau Fehr nicht für die junge Frau verwenden sollen, bloss weil sie Gemeindepräsidentin und Bezirksrichterin ist, lieber Marc Walder?

Ich sage dem öffentlich Wasser predigen und heimlich Wein trinken.
Sie zitieren Heinrich Heine, das finde ich schön. Doch für den Widerspruch, auf den Sie hinauswollen, ist das ist ein wenig hochgegriffen. Ich weiss, Hans Fehr ist als Nationalrat ein Scharfmacher gegen alles, was er für unschweizerisch hält, insbesondere gegen Einwanderer und Flüchtlinge. Nicht umsonst war er jahrelang Geschäftsführer der rechtslastigen Auns. Aber er ist auch - ich wiederhole - ganz einfach ein Mensch. Viele Rechtspopulisten leben in diesem Widerspruch, wenn sie Härte gegen Schwache predigen.

Erklären Sie.
Das erkläre ich gern. Diese rechten Polemiker sind oft zerrissene Persönlichkeiten, gespalten in Politik und Privates. Sie prügeln politisch auf schwache Menschen ein, auf hilflose Flüchtlinge und arme Einwanderer. Damit strafen sie letztlich sich selbst, und zwar das, was sie für ihre Person nicht zulassen möchten: Anteilnahme, christlich formuliert Nächstenliebe und Barmherzigkeit. Also all das, was einem unsicheren, einem ungefestigten Menschen als unverzeihliche intime Schwäche erscheint, von der niemand erfahren soll.

Ausgerechnet Vertreter des Rechtspopulismus wollen mithilfe der Politik ihre menschliche Seite verbergen?
Natürlich nicht alle. Das Böse in der Politik existiert tatsächlich; es gibt radikal-böse Rechte, wie es radikalböse Linke gibt. Angst-Bürger wie Hans Fehr sind nicht böse. Sie flüchten sich in Vulgär-Darwinismus und Verteufelung alles Fremden, weil sie vor sich selber flüchten.

Das klingt jetzt eher nach Psychoanalyse als nach Politik.
Ich glaube schon, dass zur Analyse des Politischen manchmal auch die Psychoanalyse gehört. Wobei ich mir nicht anmasse, in diesem Fach auch nur annähernd Experte zu sein. Ich denke aber viel über dieses Phänomen nach.

Und zu welchem Schluss kommen Sie?
Persönliche Ängste verdichten sich nur allzu oft zu politischer Aggressivität. Es gibt von Rainer Werner Fassbinder einen Film, dessen Titel sehr gut zum Fall Fehr passt: «Angst essen Seele auf».

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