Auf einen Espresso Über den Abschied von Brady Dougan - und vom Schwarzgeld

FRANK A. MEYER UND MARC WALDER - FRAGEN UND MEINUNGEN ZU DEN THEMEN DER WOCHE.
Auf einen Espresso mit Frank A. Meyer und Marc Walder neue Bilder
© Thomas Buchwalder

Frank A. Meyer, 71, arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Er lebt in Berlin. Marc Walder, 49, ist CEO der Ringier AG.

Sagen Sie mal, Frank A. Meyer, die Credit Suisse bekommt im Sommer einen neuen Chef. Was waren Ihre Gedanken, als Sie davon erfuhren?
Dass die CS mit dem Amtsantritt von Tidjane Thiam eine Quälerei beendet.

Eine Quälerei? Warum?
Weil von Brady Dougan acht Jahre lang keine klare Botschaft ausging; weil der Amerikaner an der CS-Spitze nach dem Finanzcrash 2008 nie überzeugend eine neue Kultur vertreten hat; und weil diese Unentschiedenheit auf fatale Weise an das Trauerspiel um die Deutsche Bank gemahnt, wo das Duo Fitschen/ Jain lediglich Ackermanns Wein in neue Schläuche zu giessen versucht.

Was erwarten Sie von Tidjane Thiam, 52 Jahre alt, geboren und aufgewachsen in der Elfenbeinküste, bisher CEO des grössten englischen Versicherers Prudential?
…vor allem ist er aus der Versicherungsbranche.

Wieso «vor allem»?
Das Versicherungsgeschäft ist eine Branche, die nicht nur Geld scheffelt, sondern reale Leistungen für Menschen erbringen muss.

Banken tun das doch auch! Denken Sie an die Hypotheken, die Unternehmenskredite, die Spareinlagen der Menschen!
Damit schmücken sich Banken gern. Doch vor allem die Grossbanken haben sich längst in die globalisierte Geldwelt abgesetzt, wo sie sich den spekulativen Geschäften verschreiben. Bei der Credit Suisse soll sich das ja jetzt ändern: Man setzt auf die solide Verwaltung von Gross- und Grösst-Vermögen, und zwar mit Fokus auf den asiatischen Raum, den Tidjane Thiam schon bei Prudential mit grossem Erfolg beackert hat - eine allerdings ebenfalls nicht ganz unproblematische Angelegenheit.

Was finden Sie am globalen Vermögensgeschäft problematisch?
Je grösser das grosse Geld, desto grösser die Gefahr, mit Gross-Gaunern ins Geschäft zu kommen. Während Jahrzehnten floss nur das Schwarzgeld auf die Schweizer Banken. Das funktioniert heute nicht mehr. Also reisen jetzt die Geldgauner persönlich an. Und da muss die Credit Suisse wachsam sein: Welche Kunden akzeptiert die zweitgrösste Schweizer Bank? Welche weist sie ab, weil sie ihr dubios erscheinen?

Welche Kunden sollte sie ablehnen?
Oligarchen aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion beispielsweise, die ihr Geld durch das Plündern ihrer Heimat angehäuft haben; sie stellen gewaltige Reputationsrisiken dar. Nicht nur für die Bank, sondern auch für die Schweiz.

Brady Dougan schien nie wirklich in der Schweiz angekommen zu sein.
Das haben Amerikaner so an sich: Die USA sind alles, der Rest ist nichts - allenfalls ein Ort, an dem sich Karrieren und Boni optimieren lassen.

Ich bringe dies ein, weil Sie die Interessen der Schweiz angesprochen haben. Auch Tidjane Thiam stammt von einem anderen Kontinent.
Die Elfenbeinküste gehörte zu den französischen Kolonien. Der neue CS-Boss ist frankofon; zumindest in der Westschweiz wird er sich schon mal wohlfühlen. Deutsch kann er auch. Und Afrikaner sind im Allgemeinen nicht für Arroganz bekannt. Deshalb darf man dem CS-Verwaltungsratspräsidenten Urs Rohner ein Kompliment für seine Wahl machen. Sie scheint mir mit Bedacht aussergewöhnlich, jedenfalls, was die Bankenwelt betrifft.

So positiv habe ich Sie schon lange nicht mehr über eine Schweizer Bank reden gehört, lieber Frank A. Meyer!
Sie haben doch dialektisches Talent…

Danke, aber was meinen Sie damit?
Die Fähigkeit, Entwicklungen von ihrem Ende her betrachten zu können. Das müsste Ihnen helfen, meine einsame Kritik, wie ich sie während fünfundzwanzig Jahren beharrlich geübt habe, als positiven Beitrag zur Entwicklung der Schweizer Banken zu verstehen. Und da vor allem die Grossbanken gerade dabei sind, eine für sie ungewohnte Weissgeldstrategie einzuschlagen, also die Abkehr vom Schwarzgeld, ist wohl der richtige Zeitpunkt gekommen, ihnen bei allem Misstrauen mit vorsichtigem Wohlwollen zu begegnen.

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