Auf einen Espresso Über den Kuss als Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln

FRANK A. MEYER UND MARC WALDER - FRAGEN UND MEINUNGEN ZU DEN THEMEN DER WOCHE.
Auf einen Espresso mit Frank A. Meyer und Marc Walder neue Bilder
© Thomas Buchwalder

Frank A. Meyer, 71, arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Er lebt in Berlin. Marc Walder, 49, ist CEO der Ringier AG.

Sagen Sie mal, Frank A. Meyer, ein Kuss gibt derzeit viel zu reden: EU-Kommissions-Präsident Jean-Claude Juncker verpasste unserer Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga in Brüssel einen dicken
Schmatzer auf die Wange ...

.. der ist missglückt.

Das sehen die meisten so. Was mich interessiert, wäre Ihre Begründung.
Simonetta Sommaruga ist keine Bisou-Frau, also keine Frau, die man einfach so küsst. Sie ist distanziert, fast kühl. Und Jean-Claude Juncker ist kein Kuss-Mann. Trotzdem hat er es versucht.

Mit welchem Motiv eigentlich? Zwei Spitzenpolitiker vor einem so wichtigen und kritischen Gespräch?
Weil er mit leeren Händen dastand, was allerdings – kulturgeschichtlich gesehen – eher zu einem Händedruck hätte führen sollen. Ursprünglich reichte man sich die Hand, um zu zeigen, dass man keine Waffe trägt. Juncker hingegen hat seinen Kuss womöglich als Trost appliziert. Weil ihm intuitiv klar gewesen ist, dass er unserer Bundespräsidentin, also der Schweiz, ansonsten nichts mitzugeben hatte.

Der Kuss als Ritual: Man machts einfach, weils alle machen?
Die Küsserei auf dem internationalen Politparkett ist seit einigen Jahren Mode. Zu den Modemacherinnen zählt Bundeskanzlerin Angela Merkel. Ihre Schmuserei mit Frankreichs Ex-Präsident Nicolas Sarkozy, einem grossen Küsser, ist geradezu legendär. Inzwischen küsst die Bundeskanzlerin mit dem schönsten Lächeln Europas jeden kreuz und quer. Auch Obama hat von Merkel das Küssen gelernt, aber leider nicht begriffen, wann er es besser unterlassen sollte: Er küsst neuerdings auch asiatische Politikerinnen, was nun ganz und gar nicht geht.

Wie interpretieren Sie denn diese Küsserei?
Sie gaukelt vor, was viele Politiker zwar gerne hätten, was aber überhaupt nicht zutrifft: dass sie alle Freunde seien. In Wirklichkeit sind Politiker einfach Interessenvertreter. Ein Umstand, der sich natürlich nicht durch demonstratives Küssen aus der Welt schaffen lässt. Und das ist auch gut so. Dennoch hat diese Kuss-Kultur einen negativen Beigeschmack.

Welchen?
Die politische Prominenz inszeniert sich als globale Kuss-Kaste: Man kennt sich, man tut familiär, man gehört zusammen – das Volk hat zu diesem Weltsalon der Mächtigen keinen Zutritt. Es wird auf Distanz gehalten, es darf nur staunen. Immerhin sind die heute üblichen Küsse zwischen Männern und Frauen ästhetisch geniessbarer als die unsägliche Knutscherei der kommunistischen Grössen zu Zeiten des Kalten Krieges. Das peinlichste Bild damals: Der sowjetische Generalsekretär Leonid Breschnew küsst den ostdeutschen Generalsekretär Erich Honecker auf den Mund, fest und feucht. Hässliche Männer, die hässlich küssen – unerträglich!

Zurück zu Juncker und Sommaruga: Sind die Sitten vielleicht einfach lockerer geworden?
Unsitten bestimmen den Umgang miteinander, auch unter einfachen Bürgern. Im Schweizer Alltag wird bei Begrüssungen gleich dreimal geküsst: Bisou, Bisou, Bisou ... So ein Grussritual unter fünf Leuten kann Minuten dauern. Und natürlich sind alle immer per Du.

Sie sind auch gegen das Du?
Jeder quatscht den andern an, als ob er mit ihm aufgewachsen wäre. Nicht zuletzt in Radio- und Fernsehsendungen, die, auf Teufel komm raus, hip und jung und geil sein wollen, weshalb sich auch Siebzigjährige vor Kamera und Mikrofon kindisch gebärden.

Alle küssen sich. Alle duzen sich. Wie sollten wir Ihrer Meinung nach unseren gesellschaftlichen Umgang sonst gestalten?
Erstens höflich. Zweitens differenziert. Drittens echt. Das Du ist für mich eine ernste Sache, die etwas ganz Klares symbolisiert, nämlich: eine gewisse Gemeinsamkeit, vor allem Vertrauen, das heisst, eine erprobte Beziehung, die schliesslich zum Du geführt hat. Der Kuss ist die intimste öffentliche Bezeugung von Nähe. Ein Wangenkuss signalisiert Zärtlichkeit. Was er im politischen Geschäft verloren hat, ist mir schleierhaft.

Folgen Sie Marc Walder auf Twitter

Auch interessant