Auf einen Espresso Über die EU-Krise als Kampf der Kulturen

FRANK A. MEYER UND MARC WALDER - FRAGEN UND MEINUNGEN ZU DEN THEMEN DER WOCHE.
Auf einen Espresso mit Frank A. Meyer und Marc Walder neue Bilder
© Thomas Buchwalder

Frank A. Meyer, 71, arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Er lebt in Berlin. Marc Walder, 49, ist CEO der Ringier AG.

Sagen Sie mal, Frank A. Meyer, nach vielen Wochen nehmen wir heute wieder unseren Espresso zusammen. Wie geht es Ihnen? Was haben Sie denn so gemacht?
Den Frühling genossen. In der Provence und in Berlin. Wobei Geniessen für mich bedeutet: lesen, diskutieren, mit Menschen zusammen sein.

In Europa herrscht grosse Spannung wegen Griechenland. Beschäftigt Sie das? In Berlin sind Sie ja jetzt wieder nah am Geschehen.
Mich beschäftigt, was die Griechenlandkrise aufzeigt: einen Zusammenprall der Kulturen innerhalb der Europäischen Union.

Wie meinen Sie das?
Im Norden das protestantische Europa, im Süden das katholische und das orthodoxe, im Falle von Hellas sogar das osmanisch grundierte Europa. Symbolisch stehen dafür zwei Namen: Jeroen Dijsselbloem, der calvinistische Euro-Gruppenchef aus Holland. Und Yanis Varoufakis, der lebenslustige Finanz-Minister Griechenlands. Beide mussten wohl üben, bis sie den Namen des anderen fehlerfrei aussprechen konnten. Diese Spannweite der Kulturen zeigt den Spannungsbogen der EU.

Sie sagen, das Griechenland-Problem symbolisiere einen grundsätzlichen Nord-Süd-Widerspruch in Europa …
… in Spanien hat Podemos, eine neue, junge Bewegung, die Regionalwahlen gewonnen; in Portugal ist diese neue Generation ebenfalls aktiv; in Italien gehört Ministerpräsident Matteo Renzi selbst zur jüngeren Generation. Der Süden fühlt sich durch das Diktat des Nordens provoziert.

Wieso Diktat?
Die ökonomischen Werte, wie sie vor allem Deutschland vertritt, die drittwichtigste Wirtschaftsmacht der Welt, entspringen im Grunde protestantischem Denken.

Können Sie das noch konkreter ausführen?
Hartes Sparen, harte Reformen, harte Disziplin und hartes Durchgreifen – wobei in diesem martialischen Wort-Arsenal auch immer wieder das Wort «bestrafen» auftaucht ... Lieber Marc Walder, Sie sind doch Protestant, oder?

Ja, warum?
Weil Sie dann wissen, dass der Protestantismus die Beichte nicht kennt. Er vergibt nicht, er erzieht, er verweist Menschen und Gesellschaften und Nationen mit ausgestrecktem Zeigefinger auf ihre Selbstverantwortung. Das klingt zwar nicht gerade sympathisch, steht aber für ein grossartiges Erfolgsprinzip der Nordländer – von Skandinavien über England, Holland bis nach Deutschland und in die Schweiz.

Könnte der Süden nicht einfach vom Protestantismus des Nordens lernen?
Sehen Sie, da kommt Ihnen, dem Protestanten, sogleich das «Lernen», also auch das Lehren in den Sinn. Lehrer wollen lehren. Und Schüler sollen lernen. Aber der Süden Europas ist kein Schüler. Die Lebenswelt der katholisch bis orthodox geprägten EU-Nationen ist nicht einfach ökonomisch ungebildet oder gar unerzogen; die Menschen in diesen Ländern sind auch keine Siesta-Dummköpfe.

Wie sollten wir dann am besten mit den Südländern umgehen?
Wenn wir von Ihnen erwarten, dass sie sich mit unserem Denken auseinandersetzen – und letztlich viele richtige Prinzipien dieses Denkens anerkennen –, dann dürfen sie auch etwas von uns erwarten.

Und was wäre das?
Dass wir im Gegenzug auch ihre Vorstellungen akzeptieren können. Die Gebotstafeln des protestantischen Nordens kommen nicht vom Berge Sinai. Sie sind nur eine wirtschaftliche Götzenlehre, vom Neoliberalismus inspiriert. Dass es gegen diese calvinistische Theokratie im Dienste des Markt-Gottes einen Aufstand des Südes gibt, ist ein Segen für Europa.

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