Auf einen Espresso Über Vitus und andere Huonders

FRANK A. MEYER UND MARC WALDER - FRAGEN UND MEINUNGEN ZU DEN THEMEN DER WOCHE.
Frank A. Meyer und Marc Walder
© Thomas Buchwalder

Frank A. Meyer, 71, arbeitet als Journalist im Hause Ringier und lebt in Berlin. Marc Walder, 49, ist CEO der Ringier AG.

Sagen Sie mal, Frank A. Meyer, Bischof Vitus Huonder hat wieder für Empörung gesorgt. In einem theologischen Vortrag zitierte er Stellen aus dem Alten Testament, in denen Homosexualität als Gräuel dargestellt wird, der mit dem Tode bestraft werden muss. Waren Sie überrascht? Empört Sie eine solche Rede überhaupt noch?
Ich bin weder überrascht noch empört. Ich bin erfreut.

Sie haben sich in Jahrzehnten einen Namen als kritischer Beobachter der katholischen Kirche gemacht – und sind jetzt erfreut über die Worte des Bischofs?
Huonder macht deutlich, was in allen Religionen steckt, man kann auch sagen, was sich in allen Religionen versteckt: der Anspruch, bis in die Intimsphäre hinein zu bestimmen, wie Menschen leben sollen, sie autoritären Dogmen zu unterwerfen – ansonsten droht Gottes Strafe. Vom lieben Gott leitet der böse Huonder seine finstere Autorität ab.

Verständlicherweise reagierten die Menschen – einmal mehr – mit Empörung. Wie weit dürfen sich die Huonders eigentlich von ihrem Kirchenvolk entfernen?
Der Bischof von Chur macht eben auch die andere kirchliche Wirklichkeit deutlich: Die Gläubigen sind Bürger, sind Demokraten und verhalten sich auch so – als Gegner reaktionärer katholischer Ideologie. Gerade dafür bin ich Huonder dankbar: Er provoziert säkulare Militanz. Er zeigt, wie wichtig eine strikte Trennung von Kirche und Staat für die freiheitliche und offene Gesellschaft ist.

Diese offene Gesellschaft scheint aber auch ein wenig müde geworden zu sein, besonders wenn es um Sexualität geht – oder um Homosexualität. Wieso macht dieses abgedroschene Thema der katholischen Kirche derart grosse Mühe?
Nicht nur der katholischen Kirche, lieber Marc Walder. Religionen sind immer Männer-Ideologien. Männer-Ideologien sind frauenverachtend. Homosexualität gilt ihnen als männliche Weiblichkeit.

Interessant.
Überdies sind geschlossene Männer-Gesellschaften wie die katholische Klerisei höchst anfällig für heimliches Ausleben der unterdrückten natürlichen Sexualität. Die Pädophilie-Skandale in der katholischen Kirche haben uns das auf drastische Weise vor Augen geführt. Auch in anderen religiösen Männerbünden und Machtsystemen ist der Bannstrahl gegen Homosexuelle ein Akt der Selbstverteidigung und Selbstkasteiung. Im Islam ist die Todesstrafe für Homosexualität in sieben Ländern bis heute Teil des Rechtssystems.

Sie machen einen Vergleich zwischen katholischer Kirche und Islam?
Mache ich. Die Todesstrafe für Homosexualität gilt im Iran, in Saudi-Arabien, teilweise in den Vereinigten Arabischen Emiraten – allesamt religiös bestimmte Staatswesen, mit denen wir Handel treiben, deren Machthaber und Geldadel sich in der Schweiz ungestört als Touristen, Luxuskonsumenten und Geschäftsleute tummeln. Das nehmen wir kniefällig hin, inklusive Frauen unter Schleier und Kopftuch. Einen Huonder aber bekämpfen wir.

Ein Paradoxon.
Anders kann man es nicht nennen. Autoritären Katholizismus darf man kritisieren und bekämpfen. Das gilt als gut und notwendig. Kritisiert und bekämpft man aber nach dem gleichen Massstab den Islam, wird man des Rassismus bezichtigt.

Harte Worte!
Ich setze sogar noch eins drauf.

Bitte.
Linke, Grüne und Liberale, nicht zuletzt linke Feministinnen, die jetzt wieder besonders empört mit dem Finger auf die katholische Kirche zeigen, reden Schleier und Kopftuch schön: als selbstbestimmter Schutz der Frau vor begehrlichen Blicken der Männer. Nicht alle Huonders sind männlich und katholisch.

Folgen Sie Marc Walder auf Twitter.

Auch interessant