Auf einen Espresso Über Thilo Sarrazin und die Mühen deutscher Linker mit der Demokratie

FRANK A. MEYER UND MARC WALDER - FRAGEN UND MEINUNGEN ZU DEN THEMEN DER WOCHE.
Frank A. Meyer und Marc Walder
© Thomas Buchwalder

Frank A. Meyer, 69, arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Er lebt in Berlin. Marc Walder, 48, ist CEO der Ringier AG.

Sagen Sie mal, Frank A. Meyer, seit fünf Jahren laden Sie zur Matinee ins Berliner Ensemble: Im einstigen Theater von Bertolt Brecht empfangen Sie sonntags Gäste, seit drei Jahren in Co-Moderation mit dem Chefredaktor des Ringier-Magazins «Cicero». Vorletzten Sonntag war Ihr Gast der viel beachtete Autor Thilo Sarrazin, früher Finanzsenator in Berlin und Vorstand der Deutschen Bundesbank. Es kam nicht zum Gespräch, dafür zum totalen Eklat. Bisher nahmen Sie dazu nicht Stellung. Was geschah an jenem Morgen?
Sarrazin war schon einmal mein Gast im Berliner Ensemble. Da geschah gar nichts. Inzwischen ist er wegen seiner Bestseller sehr umstritten. Im ersten Buch setzte er sich sehr kritisch mit Deutschlands Ausländerpolitik auseinander, insbesondere mit der islamisch geprägten Einwanderung. Sein aktuelles Werk beschäftigt sich mit der Medienszene und ihrem Tugendterror. Sarrazin hat selbst darunter gelitten, er ist systematisch stigmatisiert und dämonisiert worden. 

Bevor Sie ihm die erste Frage stellen konnten, eskalierte die Situation bereits. Schildern Sie, wie Sie den Tumult erlebt haben.
Zunächst mit Verwunderung. Sehr junge Musliminnen hielten selbst gemalte Protestplakate hoch und begannen, aus Leibeskräften zu brüllen; das war die eine Seite, rechts von mir; links im Saal buhten und pfiffen Linksextremisten, einer mit Trillerpfeife; auf der Empore sass der Dirigent dieser völlig stupiden Kakofonie. Ich versuchte, mit einzelnen Störern zu reden; die wollten aber nicht reden, sie hatten nichts zu sagen. Ihre Argumente erschöpften sich in beleidigenden Parolen. Schliesslich erklärte mir einer: «Es geht uns gar nicht ums Reden, sondern nur darum, diese Veranstaltung zu verhindern.» Das gelang, obschon die Verantwortlichen des legendären Theaters sich abmühten, die Meinungsterroristen davon zu überzeugen, doch bitte an der anschliessenden Diskussion teilzunehmen und uns bis dahin unser Gespräch mit Sarrazin führen zu lassen.

Ist es denn nicht verständlich, dass Sarrazins Thesen solch grosse Emotionen hervorrufen?
Nur wenn man die seit Jahren laufende Kampagne der Medien gegen Sarrazin als Faktor mit einbezieht, eine Kampagne, die so gut wie gar nicht auf seine Bücher eingeht.

Was verstehen Sie unter «Kampagne der Medien»?
Sarrazins Thesen verdienen durchaus Kritik, teilweise sogar scharfe Kritik. Aber er sagt auch völlig Richtiges; vor allem sagt er nichts Rassistisches. Es wird ihm beispielsweise vorgeworfen, den Islam als entwicklungshemmende Religion zu sehen, die der Integration der jungen Muslime, insbesondere der muslimischen Mädchen, im Wege stehe; es wird ihm vorgeworfen, Intelligenz als vererbbar zu betrachten; es wird ihm vorgeworfen, Kulturen nach ihrem Entwicklungsstand zu unterscheiden, also nicht als gleich zu betrachten - darunter wiederum die islamische Religionskultur als besonders zurückgeblieben. All das darf von Sarrazin nicht gesagt werden, schon gar nicht in Berlin.

Wer seine Positionen derart klar zum Ausdruck bringt wie er, muss doch damit rechnen, ausgebuht, ja niedergeschrien zu werden!
In einem demokratischen Land müsste er damit rechnen dürfen, diskutiert zu werden, nicht niedergeschrien. Von den Störern am Sonntag, lieber Marc Walder, kannte keiner auch nur eine Zeile aus Sarrazins Büchern. Genauso verhält es sich mit vielen Journalisten, die nicht müde werden, ihm Aussagen zu unterstellen, die er nie gemacht hat. Auch sie haben ihn nicht gelesen. 

Sie, Frank A. Meyer, haben Sarrazins Bücher gelesen. Wie finden Sie das Bild, das er von Deutschland zeichnet?
Auf jeden Fall spitzt Sarrazin zu. Und gelegentlich übertreibt er. Zudem ist er ein penibler bis manischer Faktensammler, der seine Fakten gern auch in Bezüge zueinander setzt, die doch eher zweifelhaft sind.

Nennen Sie ein Beispiel.
Er leitet seine These zum deutschen Tugendterror vom mörderischen Terror des Wohlfahrtsausschusses während der Französischen Revolution ab, also von totalitären Figuren wie Robespierre und Saint-Just. 

Was wäre daran auszusetzen?
Gerade die Entwicklung der deutschen Demokratie lässt sich schlecht in diesen Geschichtsstrang einordnen. Deutschlands verspätetes Bürgertum bezog sich kaum je auf «Liberté, Égalité, Fraternité»; es war auch kein revolutionäres, sondern eher ein verunglücktes Bürgertum. Und es hatte schon immer seine ganz spezifischen Mühen mit dem demokratischen Rechtsstaat. Vor allem hat es seine ganz eigene Terrorgeschichte, unter der vor 70 Jahren bekanntlich die ganze Welt leiden musste. 

Was schliessen Sie daraus?
Sarrazins stets intelligent vorgetragene Überzeugungen sind eben auch nur Überzeugungen. Wo er recht hat, hat er recht, wo er unrecht hat, hat er unrecht. Diesen Mann so zu verhetzen, dass er sich in der Öffentlichkeit nur mit Bodyguards bewegen kann, ist ein Skandal. Sollte Sarrazin im aufgeheizten Klima etwas zustossen, werden die deutschen Medien Fragen zu beantworten haben, denen sie sich besser heute schon stellen würden.

Ist es nicht zu einfach, die Proteste gegen Sarrazin nur als Resultat der Art und Weise zu sehen, wie die Medien über ihn und seine Bücher berichten?
Ich stelle meinen deutschen Kollegen stets dieselbe Frage: Woher haben diese dummen Linksextremisten und diese dummen Pöbel-Migranten ihre Meinung über Sarrazin? Vom Himmel hoch? Aus innerer Eingebung? Durch Nachdenken gar? Nein, sie können ihren blinden Hass nur aus Medienberichten abgeleitet haben. 

Bitte dazu ein Beispiel.
Ich gebe Ihnen gleich zwei: Die Berliner «Tageszeitung» wünschte Sarrazin, dessen Gesicht ja einseitig gelähmt ist, nichts weniger als den Tod: «Der nächste Schlaganfall möge sein Werk gründlicher verrichten.» Dafür muss die TAZ jetzt 20 000 Euro zahlen. In der «Frankfurter Rundschau» wurde «die Verplemperung unserer Fernsehgebühren für diese lispelnde, stotternde, zuckende Menschenkarikatur» angeprangert, gemeint war ebenfalls Sarrazin, der durch die Gesichtslähmung beim Sprechen behindert ist. Die Autoren der Texte heissen Deniz Yücel und Mely Kiyak. Die «Tageszeitung» und die «Frankfurter Rundschau» betrachten sich als linke Zeitungen. Da wird eine Sprache geführt, wie sie einst das Naziblatt «Der Stürmer» einsetzte: Auf solche Weise  wurden Juden als Untermenschen karikiert. Dass dies in der linken Medienszene heute möglich ist ohne linken Aufschrei, auch ohne liberalen Aufschrei, überhaupt ohne Aufschrei - das weckt Zweifel an der demokratischen Kultur Deutschlands. 

Trotz allem «Tugendterror» tritt Sarrazin immer wieder im Fernsehen auf.
Er ist auch bei mir aufgetreten.

Eben.
In meiner Sendung «Vis-à-Vis» führte ich ein intensives Gespräch mit ihm. Dabei wirkte er sympathisch; überhaupt wirkt er sehr menschlich, leider immer auch ein bisschen grimmig, denn er kann wegen seiner Lähmung kaum lächeln.

«Cicero» will das vor einer Woche geplatzte Podiumsgespräch zwischen Sarrazin und Ihnen ja wiederholen …
… weil wir uns, wie der Intendant des Berliner Ensembles Claus Peymann formulierte, von «nazihaftem Gepöbel» nicht vorschreiben lassen, was wir als Journalisten tun dürfen. Das ist ja einer der zentralen Punkte dieses Skandals!

Erklären Sie!
Nicht nur Sarrazin wurde am Reden gehindert. Mit ihm wurden zwei «Cicero»-Journalisten, neben mir Alexander Marguier, daran gehindert, ihre Arbeit zu tun - uns wurde durch Meinungsterroristen das Wort verboten. Das ist der zweite Punkt der Ungeheuerlichkeit. Der dritte ist kaum weniger ungeheuerlich: Die Aktion wurde vom Berliner SPD-Vorsitzenden Jan Stöss auf Twitter ausdrücklich gelobt, ebenso von der Piratenpartei, ebenso von diversen Politikern der Grünen. 

Wie fanden Sie das?
Was sich da zeigte, war mehr als ein lokaler Eklat. Es manifestierte sich plötzlich mitten in Deutschlands Hauptstadt ein demokratiefeindlicher Ungeist, den man von Muslimen vielleicht noch verstehen könnte. Von Sozialdemokraten, von Linken und Grünen, von Linksliberalen, von etablierten deutschen Politikern ist das inakzeptabel!

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