Auf einen Espresso Über die Nati, die Nation und den Nationalismus

FRANK A. MEYER UND MARC WALDER - FRAGEN UND MEINUNGEN ZU DEN THEMEN DER WOCHE.
Frank A. Meyer und Marc Walder
© Thomas Buchwalder

Marc Walder, 48, ist CEO der Ringier AG. Frank A. Meyer, 70, arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Er lebt in Berlin. 

Sagen Sie mal, Frank A. Meyer, letzte Woche sprachen wir über den Beginn der Fussball-WM in Brasilien. Konnten Sie inzwischen ein paar Spiele schauen?
Ich habe die Rache der calvinistischcoolen Holländer verfolgt und den Untergang der stolzen Spanier, ebenso natürlich das erfolgreiche Stolperspiel der Schweiz gegen Ecuador, auch den erfolglosen Kampf mit unseren französischen Nachbarn. Und Sie, lieber Marc Walder?

Ich komme soeben aus Brasilien zurück und bin immer noch begeistert von der Atmosphäre unter den Fans: Spanier umarmen Chilenen, Ecuadorianer umarmen Schweizer, Australier umarmen Holländer. Ohne kitschig tönen zu wollen, die Bilder, die ich von dort mit nach Hause genommen habe – einfach wunderbar!
Was Sie da beschreiben, ist die neue fussballerische Wirklichkeit: Es spielen gar keine Nationen mehr gegeneinander, sondern Mannschaften, die zwar nach Nationen benannt sind, aber völlig multikulturell zusammengesetzt. Nehmen wir nur das Team, das für die Schweiz antritt: Mehmedi, Behrami, Gavranovic, Shaqiri, Djourou, Xhaka, Dzemaili, Seferovic, Drmic und so weiter. Dann gibts noch den Ziegler, den Schär und den Bürki.

Und die sitzen auf der Ersatzbank ...
... während Mittelmeer-Athleten für die Schweiz kicken.

Singen Sie eigentlich mit, wenn die Nationalhymne gespielt wird?
Bei diesen Klängen fühle ich mich völlig solidarisch mit den Spielern: Für sie muss das schwerblütige Lied von der Schweizer Heimat ähnlich klingen wie für mich – befremdlich, Melodie wie Strophen.

Wieso klingt der Schweizerpsalm in Ihren Ohren befremdlich?
Mir fehlt ganz generell das Gen zur Aufwallung fürs Vaterland – sogar wenn die Schweiz siegt, seien es Hitzfelds Migranten auf dem grünen Rasen oder unser Südafrika-Boy Roger Federer auf dem Court. Ich freue mich über jedes gewonnene Match, jeden gelungenen Spielzug, wann immer Schweizer gut gespielt haben. Aber jeglicher schwülstige Stolz auf die Nation geht mir ab.

Woher kommt das?
Was?

Dass Ihnen dieses Vaterlands-Gen fehlt?
Ich verfüge über ein sehr starkes Demokratie-Gen. Demokratie jedoch ist ein grenzübergreifender Wert – mein höchster kultureller Wert. Mit der Nationalhymne hingegen bin ich nie warm geworden, obwohl ich doch schon 1.-August-Reden gehalten habe. Das hat sicher auch mit einer Geschichte zu tun, die mir mein Vater erzählte, als ich sieben- oder achtjährig war.

Erzählen Sie!
In den späten Dreissigerjahren, als die nazifreundlichen Frontisten in der Schweiz im Schwange waren, hatten wir einen Hausarzt, der ein waschechter Nazi war. Eines Tages lud er meinen Vater zu einer Frontisten-Versammlung in der Bieler Tonhalle ein. Sie müssen wissen: Für eine Arbeiterfamilie in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts war der Hausarzt, der zu jeder Tagesund Nachtzeit ans Bett der kranken Kinder eilte, die wichtigste Person ausserhalb der Familie. Der Hausarzt rangierte noch vor dem lieben Gott.

Und, wie hat Ihr Vater reagiert?
Mein Vater, ein Sozialdemokrat, wollte diesen treuen Familienfreund nicht verlieren und begleitete ihn in die Tonhalle. Am Schluss der Frontisten-Feier sangen die braunen Kameraden voller Inbrunst die Nationalhymne: «Heil dir, Helvetia! Hast noch der Söhne ja.» Mein Vater aber blieb stumm sitzen. Als Einziger unter rund tausend Anwesenden. Einer von ihnen fragte entsetzt: «Singen Sie die Nationalhymne nicht?» Die Antwort meines Vaters: «Ich singe die Nationalhymne gerne, aber nicht mit Ihnen.»

Und der Hausarzt?
Der war privat ein sehr anständiger Mensch. Er kam weiterhin zu jeder Zeit.

Die Erzählung Ihres Vaters hat Ihnen die Freude an der Nationalhymne verdorben?
Ich weiss seither, wie sehr sich Hymnen zum Missbrauch eignen, auch heute, in populistischer Zeit. Ich trällere gerne ab und zu und ganz für mich das italienische Partisanenlied: «Bella, ciao».

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