Auf einen Espresso Über ägyptische Zustände und Schweizer Richter

Frank A. Meyer und Marc Walder - Fragen und Meinungen zu den Themen der Woche.
Frank A. Meyer, 67, (l.) arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Marc Walder, 45, ist CEO Ringier Schweiz und Deutschland.
© Thomas Buchwalder Frank A. Meyer, 67, (l.) arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Marc Walder, 45, ist CEO Ringier Schweiz und Deutschland.

Sagen Sie mal, Frank A. Meyer, können Sie sich einen Reim darauf machen, was Mohammed Mursi mit seinen neusten politischen Manövern beabsichtigt?
Ich bin zwar kein Dichter, aber diesen Reim kann ich mir sehr wohl machen: Mursi und seine Muslimbrüder wollen eine islamische Diktatur errichten.

Immerhin haben ihn 51,7 Prozent zum Präsidenten gewählt. Mursi stützt sich im Unterschied zu seinem Vorgänger Hosni Mubarak auf die Mehrheit des ägyptischen Volkes.
Auch Diktatoren entspringen bisweilen einer Wahl. Die Anhänger Mursis kommen aus Bevölkerungsschichten, die mit Demokratie wenig anfangen können. Ihnen ging es beim Aufstand auf dem Tahrirplatz vor allem um den Sturz des Diktators Mubarak. Es sind Ägyptens Arme, die in ihrem materiellen und geistigen Elend Zuflucht zur Religion suchen. Diesem Verlangen kommen die Muslimbrüder nach, indem sie seit Jahren in den Armutsregionen und Elendsvierteln als Wohltäter auftreten.

Mursi hat eine Volksabstimmung über die neue Verfassung angekündigt - das tönt doch eher demokratisch…
Mit all seinen Winkelzügen will er auf eine ägyptische Version dessen hinaus, was wir seit Ajatollah Chomeini im Iran erleben: Die Scharia soll gelten; Frauen sollen entrechtet werden; Nicht-Muslime sollen Bürger zweiter Klasse sein. Muslimbrüder und Salafisten beherrschen die verfassungsgebende Versammlung. Und nichts liegt Mursis Mob ferner als Freiheit, Demokratie und Rechtsstaat. Islam und offene Gesellschaft sind unvereinbar.

Und doch fallen die Reaktionen von EU und USA auf die Entwicklungen in Ägypten eher gemässigt aus.
Nicht nur Washington und Brüssel, auch viele Medien geben sich sonderbar nachsichtig. Der Grund ist ein grosser Irrtum, dem der Westen seit dem Umsturz in Tunesien, Ägypten und Libyen unterliegt: Mit der Wortschöpfung «Arabellion» verbindet man die Hoffnung, der Islam sei modernitätsfähig und demokratisierbar.

Haben Sie das nicht auch gehofft?
Ich war von Anbeginn sehr skeptisch. In unserer Angst vor einem Kulturkampf reden wir uns den Islam schön, nicht nur den im Nahen Osten, in Nordafrika und in Asien, auch den bei uns.

Auch hier bei uns in der Schweiz?
Ja, auch in der Schweiz. Und in vielen europäischen Grossstädten.

Wie sollen wir Ihrer Meinung nach mit den Islamisten umgehen?
Es geht hier nicht nur um die sogenannten Islamisten, also um Fanatiker, die ihre Religion offen aggressiv propagieren. Es geht um das Verhältnis zur Religion an sich. Im Lauf der Jahrhunderte haben wir unsere Religion, das Christentum, als politische Macht gestürzt: mit der Aufklärung, mit der Französischen Revolution, mit dem Kampf gegen den Papismus, mit säkularen Verfassungen. Heute stehen wir vor der Aufgabe, das Resultat dieser Kämpfe, die freie Gesellschaft, gegen die Machtansprüche des Islam zu behaupten.

Wie soll denn der Westen gegen totalitäre Tendenzen in Ägypten ankämpfen?
Ägypten geniesst hohe finanzielle Zuwendungen durch die Europäische Union und vor allem durch die USA. Mursis Selbstermächtigung zum Diktator ist ein Grund, diesen Geldfluss zu stoppen.

Und was können wir in der Schweiz tun?
Wir könnten den Anfängen wehren. Zum Beispiel einem Thurgauer Verwaltungsgerichtsurteil widersprechen, das ein Kopftuchverbot für zwei Schülerinnen als «unverhältnismässig» erklärt. Der Anwalt der Schülerinnen hatte argumentiert, das Kopftuch störe ja nicht den Unterricht. Selbstverständlich stört das Kopftuch nicht den Unterricht.

Sondern?
Es stört das freie und gleichberechtigte Aufwachsen der Mädchen mit ihren Schulkameraden. Die Verhüllung der Haare ist der erste Akt patriarchalischer Unterdrückung der Frau, der diesen Schülerinnen persönlich widerfährt.

Sie sagen: Wehret den Kopftüchern?
Ich sage: Wehret den Erziehern und Richtern und Anwälten und Politikern und Journalisten, die immer noch nicht verstanden haben, worum es geht.

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