Auf einen Espresso Über Anmache, alte Herren und die Auflage des «Stern»

Frank A. Meyer und Marc Walder - Fragen und Meinungen zu den Themen der Woche.
Frank A. Meyer, 67, (l.) arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Marc Walder, 45, ist CEO Ringier Schweiz und Deutschland.
© Thomas Buchwalder Frank A. Meyer, 67, (l.) arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Marc Walder, 45, ist CEO Ringier Schweiz und Deutschland.

Sagen Sie mal, Frank A. Meyer, machen eigentlich auch Sie manchmal zu später Stunde Altherrenwitze in schummrigen Bars?
Nie.

Nie?
Nie! Erstens: Ich meide schummrige Bars. Zweitens: Zu später Stunde schlafe ich. Und drittens: Sexistische Witze widern mich seit 54 Jahren an.

Wieso genau seit 54 Jahren?
Damals war ich vierzehn. Schüler im Progymnasium. Ich hatte meine ersten erotischen Erlebnisse. Sie hiess Cecile. Und war, wie ich, vierzehnjährig. Sie müssen sich vorstellen: In den Fünfzigerjahren war das eine skandalös frühe Beziehung. Ich erlebte etwas Verbotenes, letztlich allerdings Harmloses. Die dummen Sprüche meiner Schulkollegen über Mädchen waren mir immer peinlich. Weil es ja Kompensation war für Nicht-Erlebtes. Und so geht es mir noch heute mit Herrenwitzen.

Der Artikel einer jungen «Stern»-Journalistin, die auf vier Seiten beschreibt, wie der FDP-Fraktionsvorsitzende Rainer Brüderle sie ungehörig anmachte, hat eine grosse Debatte ausgelöst.
Der Satz von Brüderle, der wie Donnerhall durch Deutschland geht, lautet schlicht: «Sie können ein Dirndl auch ausfüllen.» Wobei Brüderle seinen Blick auf ihren Busen gerichtet haben soll.

Ging Brüderle zu weit, Frank A. Meyer?
Vielleicht meinte er, der Journalistin ein Kompliment zu machen. Sicher ist: Der Satz ist ungehörig, eine plumpe Anmache. Doch man sollte die Szene in dieser schummrigen Bar ein wenig ausleuchten: Die attraktive Journalistin fragte den Politiker, wie es denn so sei, «im fortgeschrittenen Alter zum Hoffnungsträger aufzusteigen». Man muss sich vorstellen, ein junger Journalist stellt diese Frage einer Politikerin von Brüderles Kaliber: Das wäre doch nichts anderes als die Herabsetzung der Frau wegen ihres Alters. In der NZZ schrieb Joachim Güntner dazu treffend: «Zum Sexismus gehört übrigens auch die Diskriminierung des Alters.»

Ich verstehe nicht ganz. Sie entschuldigen Brüderle? Hat er nicht einer Journalistin von oben herab ein unstatthaftes Kompliment über ihren Busen gemacht?
Brüderle ist überhaupt nicht zu entschuldigen. Allenfalls zu bedauern – für seine völlig unterentwickelten Umgangsformen und seinen doch sehr schlichten Wortschatz. Aber Sie sagten «von oben herab». Darauf wird jetzt immer wieder hingewiesen: Herrenwitze seien Machtwitze, in der Regel humorfrei, von mächtigen Männern gegenüber ohnmächtigen Frauen. Das ist sicher so in Arbeitsverhältnissen, wo der Chef die Sekretärin dummdreist herabwürdigt. Im Fall Brüderle verhält es sich genau umgekehrt.

Warum?
Die mächtige Person an der Bar war in jener Nacht die Journalistin vom «Stern».

Wie kommen Sie darauf?
Brüderle buhlte förmlich um sie. Auf einfältige Weise zwar, aber als Wahlkämpfer war er auf den «Stern» angewiesen. Die ganze überdrehte Debatte verweist ja beispielhaft auf die Macht des Magazins und der Medien überhaupt – und die Ohnmacht des Politikers. Wie es Schiller im Tell formuliert: «Da rast der See und will sein Opfer haben.»

Sie berühren da einen zentralen Punkt. Aber sollte sich Brüderle nicht wenigstens entschuldigen?
Jeder Satz, den der aktuelle FDP-Spitzenkandidat für die Bundestagswahl zu dieser affigen Affäre beisteuert, wäre Futter für Journalisten, die das Thema weiterdrehen wollen. Es ist unglaublich, was der Medien-Schwarm in Deutschland hier inszeniert. Letztlich benutzen doch die Männer-Chefs des «Stern» ihre junge Reporterin, um Auflage zu machen. Der Vorwurf des Sexismus fällt auf seine Urheber zurück.

Sie bestreiten das Phänomen des verbalen Sexismus?
Nie und nimmer. Verbaler Sexismus ist oft nur eine Vorstufe zum physischen Übergriff. Die männerdominierte Gesellschaft hat diese Macho-Unkultur noch längst nicht überwunden. Jede Kritik daran ist berechtigt. Aber nicht in jedem Fall ist sie auch ehrlich.

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