Auf einen Espresso Über Banker, Politiker und Skorpione

Frank A. Meyer und Marc Walder - Fragen und Meinungen zu den Themen der Woche.
FRANK A. MEYER, 67, (l.) arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Er lebt in Berlin. MARC WALDER, 46, ist CEO Ringier Schweiz und Deutschland.
© Thomas Buchwalder FRANK A. MEYER, 67, (l.) arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Er lebt in Berlin. MARC WALDER, 46, ist CEO Ringier Schweiz und Deutschland.

Sagen Sie mal, Frank A. Meyer, ist Nationalbank-Chef Philipp Hildebrand zu Recht oder zu Unrecht zurückgetreten?
Mit guten Gründen.

Was heisst das? Sie finden also: zu Recht?
Philipp Hildebrand hat als Präsident der Schweizerischen Nationalbank zwar keine Gesetze oder Vorschriften verletzt, aber die Devisengeschäfte seiner Gattin haben ihn in eine unmögliche Situation gebracht. Was er von den Aktivitäten seiner Frau wusste, ist nicht abschliessend festzustellen, unterliegt also der Unschuldsvermutung – wenn denn von Schuld überhaupt die Rede sein kann. Sein Rücktritt zeugt jedenfalls von Einsicht in das, was diesem hohen Amt zuträglich ist und was nicht. Regeln hin oder her.

Gut, Hildebrand hat also Einsicht gezeigt. Aber wie konnte er es überhaupt so weit kommen lassen, dass in seiner engsten familiären Umgebung mit Devisen gehandelt wurde?
Dazu gibt es die erhellende kleine Geschichte vom Skorpion und vom Frosch.

Erzählen Sie!
Der Skorpion wartet am Ufer eines Teichs. Er muss unbedingt hinüber. Denn am anderen Ufer wartet ein Weibchen. Er bittet einen Frosch, ihn huckepack hinüberzubringen. Der Frosch lehnt ab: «Wenn ich das tue, dann stichst du mich.» Darauf der Skorpion: «Das mache ich auf keinen Fall. Denn sonst ertrinken wir ja beide.» Der Frosch nimmt also den Skorpion auf den Rücken und schwimmt los. Sie haben die Mitte des Teichs erreicht, als der Skorpion zusticht. In seinem Todeskampf stöhnt der Frosch: «Warum hast du das getan? Jetzt sterben wir beide!» Der Skorpion erwidert: «Weil ich ein Skorpion bin.»

Und der Sinn der Geschichte …
… so sind sie, die Banker und Börsianer und Zocker des globalen Finanzkapitalismus – sie können nicht anders.

Schon vorher hatten Christoph Blocher und «Die Weltwoche» Stimmung gegen Hildebrand gemacht. Seit Monaten. Letztlich haben sie die Lawine der Medienberichte erst richtig losgetreten.
Lieber Marc Walder, lassen Sie uns das Gespräch doch bitte auf unserem gewohnten Niveau weiterführen.

Der Bundesrat stellte sich lang hinter Philipp Hildebrand. Allzu lang? Eveline Widmer-Schlumpf verteidigte und lobte ihn sogar in der «Arena»– wenige Tage vor seinem Rücktritt.
Es gab auch gute Gründe, an ihm festzuhalten.

Welche?
Die Leistungen von Philipp Hildebrand sind doch erheblich. Er hat die Frankenaufwertung gestoppt. Er hat – Stichwort «Too big to fail» – eine höhere Eigenkapitaldeckung für die Grossbanken bewirkt. Er vertrat die Finanzmacht Schweiz international mit Bravour. Warum soll man so jemanden blitzartig fallen lassen – bloss wegen eines Politikers, der die Wahrheit gern zurechtbiegt, wie wir seit Langem wissen? Dieser Politiker ist übrigens Intim-Freund des gescheiterten UBS-Präsidenten Marcel Ospel, der den weltweit grössten Crash der Finanzkrise hingelegt hat.

Was lernen wir aus dem Fall Hildebrand, was bleibt zu tun?
Die Deregulierung des globalen Finanzkapitalismus seit den 90er-Jahren muss zurückbuchstabiert werden. Es braucht wieder griffige Regeln unter demokratischer Kontrolle, also verordnet durch die Politik. Und zwar bis hinein ins Kleine und Kleinste, also bis hinein ins Reglement der Schweizerischen Nationalbank für ihre Direktoriumsmitglieder. Denn: Skorpione bleiben Skorpione.

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