Auf einen Espresso Über Boulevard-Journalisten und Putschisten

Frank A. Meyer und Marc Walder - Fragen und Meinungen zu den Themen der Woche.
MARC WALDER, 45, ist CEO Ringier Schweiz und Deutschland FRANK A. MEYER, 67, arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Er lebt in Berlin.
© Thomas Buchwalder

MARC WALDER, 45, ist CEO Ringier Schweiz und Deutschland FRANK A. MEYER, 67, arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Er lebt in Berlin.

Sagen Sie mal, Frank A. Meyer, was bedeutet der Abhörskandal um die Boulevard-Zeitung «News of the World» eigentlich für «Blick», «SonntagsBlick» und andere Boulevard-Medien?
Der Gossen-Journalismus in Grossbritannien ist nicht vergleichbar mit dem Boulevard-Journalismus, wie er in der Schweiz oder in Deutschland betrieben wird. Zwischen Boulevard und Gosse liegt der Randstein, und über den ist Rupert Murdoch gerade gestolpert. Auch bei uns kommt es zu Regelverstössen, sogar inakzeptablen. Im Reich des Medienmoguls Murdoch aber hatten Gesetzesbrüche bis hin zu Bestechung und Erpressung System.

Das müssen Sie erläutern.
Murdoch geht es nicht allein um Auflage oder kommerziellen Erfolg, sondern vor allem auch um politische Macht, die er – ganz besonders in England – mithilfe seiner Blätter ausübt. Ein schändliches Beispiel für politische Manipulation ist sein rechtsradikaler Sender Fox Network in den USA.

Lieber Frank A. Meyer, Murdoch hatte doch keine Ahnung, dass seine Journalisten in London Telefone abhören …
Lieber Marc Walder, seien Sie bitte nicht naiver, als es der gesunde Menschenverstand erlaubt. Glauben Sie wirklich, dass Rupert Murdoch nichts wusste von den 725 000 Pfund, die sein Sohn James, Chef seines britischen Unternehmenszweigs News International, einem Abhör-Opfer als Schweigegeld überweisen liess?

Dann halt anders herum: Wollen Sie, indem Sie das Management angreifen, Journalisten in Schutz nehmen, die sich jahrelang übelster Methoden schuldig gemacht haben?
Im Gegenteil. Ich verachte sie! Diese Journalisten haben sich in den Dienst eines Medienputschisten gestellt. Denn darum geht es ja: Murdoch hat sich die höchsten Politiker, den Premierminister und seine Regierung, untertan gemacht, sie herabgewürdigt zu Befehlsempfängern. Die Journalisten, die diesen Putsch als Frontschweine exekutierten, fühlten sich auch noch wohl dabei.

Sie überschätzen den Einfluss von Murdochs Medien masslos!
So argumentieren Verleger und Journalisten gerne, wenn sie kritisiert werden. Murdoch konnte, wann immer er wollte, Hetzkampagnen gegen unliebsame Politiker inszenieren. Gleichzeitig hatte er jederzeit Zutritt zu Downing Street 10. Mit Fox Network zerstört Murdoch die politische Kultur in den USA, der grössten Demokratie der Welt. Aus diesem Sender kommt nur Hetze, Hetze, Hetze. In der Schweiz und in Deutschland sowie wohl in fast allen Ländern Europas wäre diese TV-Kloake verboten, weil sie gegen zahlreiche Gesetze verstiesse. Gottlob ist das noch so.

Wieso sagen Sie «noch»?
Weil wir in Ungarn, also in einem EU-Staat, gerade die partielle Abschaffung der Medienfreiheit erleben. Reihenweise werden regierungskritische Radio- und Fernsehjournalisten durch das Regime von Viktor Orban entlassen. Muss ich auch noch von Silvio Berlusconi reden? Italien, Ungarn, Grossbritannien, die USA: In vielen Nationen der westlichen Welt versuchen Finanzmächtige oder Regierungsmächtige die Medien in den Griff zu bekommen. Da die Demokratie nicht so leicht abzuschaffen ist, soll sie durch Medienmacht manipuliert werden. Vergleichbare Versuche aus der rechten Ecke gibt es auch in der Schweiz.

Ich habe wirklich Mühe, Frank A. Meyer. Sie selbst schreiben seit 30 Jahren die vielleicht einflussreichste Kolumne des Landes – in der grössten Kaufzeitung der Schweiz, dem «Sonntags-Blick». Sie nehmen doch selber Einfluss. Massiv sogar!
Was ich schreibe, kann jeder Leser überprüfen. Und gegen das, was ich schreibe, kann jeder Kollege seine Meinung formulieren. Kritik und Gegenkritik gehören zu unserem demokratischen System. Das System Murdoch dagegen – in England durch Zeitungen, in den USA durch den TV-Sender Fox – hat mit demokratischem Journalismus nichts mehr zu tun.

...............................................................................................................................................

Ihre Meinung interessiert uns! Diskutieren Sie mit - im unten zur Verfügung gestellten Kommentarfeld.

Auch interessant