Auf einen Espresso Über das Dilemma der defekten Geldwaschmaschine

Frank A. Meyer und Marc Walder - Fragen und Meinungen zu den Themen der Woche.
Frank A. Meyer, 67, (l.) arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Marc Walder, 45, ist CEO der Ringier AG.
© Thomas Buchwalder Frank A. Meyer, 67, (l.) arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Marc Walder, 45, ist CEO der Ringier AG.

Sagen Sie mal, Frank A. Meyer, die kleinen Sparer auf Zypern sollten einen Teil ihrer Ersparnisse abgeben, um das Land vor dem Bankrott zu retten – was halten Sie davon?
Da wollen wir doch gleich präzis werden: Es war der Plan der zypriotischen Regierung, Sparguthaben bis 100 000 Euro mit 6,75 Prozent an der Rettung der Banken zu beteiligen und alle oberhalb von 100 000 Euro mit lediglich 9,9 Prozent. Das hatten nicht etwa die Retter vorgeschlagen – also vor allem die EU –, darauf bestand die Regierung in Nikosia selbst.

Weshalb tat sie das?
Sie wollte die Grossanleger schonen und deren Anteil am sogenannten Haircut unter zehn Prozent halten. Darum sollten bei diesem Haarschnitt die kleinen und mittleren Sparer plötzlich mitbluten. So viel zur Wahrheit.

Und? Was ist Ihre Haltung zu diesem Rettungsmuster?
Zypern ist ein Casino für Steuerbetrüger, vor allem aus Russland und anderen ehemals kommunistischen Gefilden.

Darf ich meinerseits um Präzisierung bitten?
Neureiche waschen auf dem Umweg über zypriotische Banken exorbitante Summen. Das Geschäftsmodell dieses winzigen Inselstaates mit 1,2 Millionen Einwohnern ist ganz auf die Gauner der globalen Geldwelt ausgerichtet. Die Bank of Cyprus beispielsweise hat 556 Niederlassungen, allein in Russland 190, in Griechenland 181, in der Ukraine 44, in Rumänien zehn, in Grossbritannien vier und natürlich eine auf den britischen Kanalinseln. Die Laiki-Bankengruppe bedient über 500 Niederlassungen und funktioniert, wie Hans-Ulrich Jörges im «Stern» schreibt, als «Geldabstauber in elf Ländern», natürlich in Russland, der Ukraine, in Estland und auf Malta, seit zwei Jahren sogar in Peking …

… Sie beschreiben eindrücklich das «Geschäftsmodell»; man nennt Zypern nicht umsonst die «Clearing-Insel».
Lieber Marc Walder, ich war ja noch gar nicht fertig: Zypern kennt keine Besteuerung von Zinsen, keine Steuern auf Dividenden oder Spekulationsgewinne, keine Erbschaftssteuern auf Aktien. Das Mini-Land im Mittelmeer hat sich konsequent mit den attraktivsten Gesetzen für Firmen-Holdings aufgehübscht. Ich zitiere nochmals «Stern»-Kolumnist Jörges: «Die scheinbar bedeutungslose Insel im Mittelmeer war so etwas wie ein Freudenhaus der pervertierten Finanzwelt.» Soll das Freudenhaus mit Europas Steuergeldern gerettet werden?

Weil die EU – einmal mehr – am gleichen Punkt angelangt ist: Sie kann Zypern doch gar nicht fallen lassen …
… natürlich kann die EU Zypern fallen lassen! Die wirtschaftliche Bedeutung dieser Geldwaschmaschine ist für Europa gering: Das Land erwirtschaftet vernachlässigbare 0,15 Prozent der Wirtschaftsleistung der Eurozone. Gross ist das Debakel nur für Zypern selbst: Der Finanzbedarf beträgt 17 Milliarden Euro, also fast hundert Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung des Landes.

Verstehe ich Sie richtig: Sie glauben, dass ein Bankrott Zyperns in Kauf genommen werden müsste?
Geht es ohne Bankrott, wäre es besser. Aber nur unter der Bedingung, dass die Zocker dieses Casinos zur Kasse gebeten werden. Sein Zusammenbruch wäre allerdings ein wichtiges Signal für all die Steuerbetrüger, die ihren Heimatländern Abermilliarden entziehen und nur einen Patriotismus kennen: den Patriotismus des Portemonnaies.

Hübsche Formulierung!
Noch schöner formuliert es unser Verleger Michael Ringier, selbst ein sehr reicher Mann: «Steuern sind nichts anderes als ein mehr oder weniger fairer Beitrag an den Auf- und Ausbau einer bürgerlichen Gesellschaft.»

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