Auf einen Espresso Über das grosse Deutschland und das kleine Europa

Frank A. Meyer und Marc Walder - Fragen und Meinungen zu den Themen der Woche.
MARC WALDER, 46, ist CEO Ringier Schweiz und Deutschland FRANK A. MEYER, 68, arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Er lebt in Berlin
© Thomas Buchwalder MARC WALDER, 46, ist CEO Ringier Schweiz und Deutschland FRANK A. MEYER, 68, arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Er lebt in Berlin

Sagen Sie mal, Frank A. Meyer, wird Deutschland für die EU nicht allmählich zu mächtig?
Wahrscheinlich ist Deutschland bereits zu mächtig. Jedenfalls wirtschaftlich. Darauf gründet sich ja heute Macht oder Ohnmacht von Nationen. Und praktisch alles, was Deutschland wirtschaftlich tut, beeinflusst die Europäische Union. Deutschland liegt nicht nur im Zentrum Europas, es ist auch das Zentrum.

War die EU nicht exakt aufs Gegenteil angelegt: die Macht Deutschlandseinzugrenzen?
Das war sicher eine Gründungsidee der Europäischen Gemeinschaft, ebenso eine Gründungsidee der Eurozone. Deutschland erkaufte sich die Zustimmung zur Wiedervereinigung mit seinem Verzicht auf die D-Mark.

Und was ist da schiefgelaufen?
Die deutsche Tüchtigkeit liess sich durch die Einbindung in Europa nicht bremsen. Das Wirtschaftsmodell des «rheinischen Kapitalismus», das nicht nur das Wohlergehen von Unternehmen im Auge hat, sondern auch das ihrer Beschäftigten, machte das vereinigteDeutschland endgültig zur wirtschaftlichen Grossmacht. Es wurde Exportweltmeister, und zwar nicht mit Billigwaren, sondern mit qualitativ hochwertigen Produkten, um die sich die ganze Welt reisst.

Warum ist dann die Kritik an Deutschland so gewaltig?
Es hat seine Exporte über mehr als ein Jahrzehnt systematisch verbilligt – vor allem durch Lohnzurückhaltung. Es betreibt unlauteren Wettbewerb, indem es damit faktisch eine Abwertung vollzieht. Die anderen EU-Mitglieder zahlen einen Teil des deutschen Erfolges mit, denn ihre Produkte büssen Marktanteile ein. Das ist ein wichtiger Aspekt der Schuldenkrise.

Frank A. Meyer, Sie überraschen mich.
Weshalb?

Ich habe dies so noch nie von Ihnen gehört. Erstens leben Sie in Deutschland, das ist ja auch ein Bekenntnis. Zweitens war für Sie bisher immer die globalisierte Finanzbranche verantwortlich für die Schuldenkrise …
… selbstverständlich ist vor allem die globalisierte Finanzbranche dafür verantwortlich. Die Staaten mussten ja nach der Krise von 2008 massiv ihre Schulden erhöhen, um sogenannte «systemrelevante» Banken zu retten. Damit brachten sie das Schuldenfass zum Überlaufen. Bis dahin war man in der Eurozone gerade dabei, die Verschuldung zurückzufahren. Dieser positive Trend wurde zunichte gemacht. Heute muss Deutschlandden eigenen Erfolg sichern, indem es Euro und EU stabilisiert.

Und? Macht Deutschland seine Sache richtig?
Der Weg, den Deutschland geht und damit den anderen Nationen aufzwingt, ist höchst umstritten: Gerade treibt es Griechenland ins Elend – wie soll Athen Schulden zurückzahlen, wenn seine Wirtschaft durch Merkels Spardiktat abgewürgt wird? Dass die Bundeskanzlerin das Land dann auch noch unter finanzpolitische Vormundschaft stellen will, klingt in den Ohren der Griechen besonders schrill: 1953, also nur acht Jahre nach dem Nazi-Terror in ihrem armen Land, erliessen sie den Deutschen die Schulden. Es war ein unglaublich grosszügiger Akt – heute mobilisiert die «Bild»-Zeitung Millionen Leser gegen die «faulen Griechen».

Trauen Sie denn Deutschland zu, seine Macht im Interesse des Ganzen zu zügeln?
Deutschland lernt. Von Tag zu Tag. Angela Merkel hat inzwischen ihre Forderung nach einem Sparkommissar für Griechenland zurückgenommen. Die Kanzlerin ist sehr lernfähig. Es gibt keine Blaupause, nach der sich die Deutschen in ihrer neuen Machtfülle richten könnten. Sie handeln nach dem Prinzip von Versuch und Irrtum. Das kostet viel Geld und Nerven. Aber so verlaufen politische Prozesse oft. Am Schluss nennt man es Geschichte.

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