Auf einen Espresso Über das Licht der Medien und das Dunkel des Burnouts

Frank A. Meyer und Marc Walder - Fragen und Meinungen zu den Themen der Woche.
Frank A. Meyer, 67, (l.) arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Marc Walder, 45, ist CEO Ringier Schweiz und Deutschland.
© Thomas Buchwalder Frank A. Meyer, 67, (l.) arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Marc Walder, 45, ist CEO Ringier Schweiz und Deutschland.

Sagen Sie mal, Frank A. Meyer, gerade kürzlich sprachen wir hier über das «gesellschaftliche Burnout». Jetzt erzählte SVP-Nationalrätin Natalie Rickli im «SonntagsBlick» die Geschichte ihres ganz persönlichen Burnouts. Haben Sie das Interview gelesen?
Ich habe es zur Kenntnis genommen.

Wie: zur Kenntnis genommen? Sie scheinen nicht gerade angetan von diesem Outing.
Wie könnte ich auch angetan sein? Von der in aller Öffentlichkeit ausgebreiteten privaten Krankengeschichte einer Person, die mir in jeder Hinsicht fernsteht! Erstaunt bin ich allerdings, dass jemand aus einer seelischen Havarie eine Show macht. Eine politische sogar.

Ich habe das Interview sehr gerne gelesen. Natalie Rickli hat keine Show aus ihrer seelischen Not gemacht. Sie gab zwei Interviews. Eines dem «SonntagsBlick», eines dem Schweizer Fernsehen …
… wer «SonntagsBlick» und Schweizer Fernsehen ein Interview gibt, weiss ganz genau, weshalb er das tut. Immerhin handelt es sich um die relevantesten Medien-Plattformen des Landes! Frau Rickli inszenierte sich showgeschäftsmässig und professionell.

Natalie Rickli hat ihre Interviewpartner sehr sorgfältig ausgewählt; sie führte auch die Gespräche mit grosser Sorgfalt. Und als Nationalrätin ist sie ja ohnehin eine öffentliche Person.
Genau da berühren Sie den wunden Punkt: Sie ist letztes Jahr auch unter dem Druck ihrer öffentlichen Selbstinszenierung zusammengebrochen. Was zu dieser Erschöpfung führte, war – wie sie ja selber sagt – ihre politische Omnipräsenz. Kaum geht es ihr besser, braucht sie wieder neuen Stoff: öffentliche Aufmerksamkeit, öffentliche Anerkennung, letztlich öffentliche Heilung – Politik und Medien als Rehabilitationsraum für die prominente Burnout-Patientin. Sie steht damit allerdings nicht allein da.

Sie spielen auf den Fall der renommierten Medienwissenschaftlerin Miriam Meckel an, die mit Ihrem Burnout-Buch «Brief an mein Leben» für grosse Aufmerksamkeit sorgte?
Präzis. Die Promi-Professorin machte aus ihrer Erschöpfungsdepression eine Marketingkampagne für sich selbst. Sie reiste durch die Lande, las überall aus ihrem Buch. Und surfte gleich wieder auf den Wellen, die sie selber schlug – bestaunt, bewundert, begehrt. Dabei bekam sie dann wieder den Stoff, den öffentlichkeitsabhängige Personen nun mal brauchen.

Ich sehe das anders.
Das habe ich erwartet.

Das Buch von Frau Meckel ist handwerklich hervorragend, viele Menschen mit ähnlichen Problemen haben darin – ich meine das sehr ernst – Rat gefunden.
Das ist nett gesagt. Aus meiner Sicht diente «Brief an mein Leben. Erfahrungen mit einem Burnout» dem Wiedereinstieg ins intellektuelle Showgeschäft. Aber lassen wir doch mal die beiden attraktiven Frauen beiseite!

Bitte sehr …
Sie kennen sicher das berühmte Zitat von Andy Warhol: «In Zukunft wird jeder Mensch in seinem Leben fünfzehn Minuten lang weltberühmt sein.»

Ja.
Wobei Warhols «berühmt sein» in unserer Gesellschaft eigentlich mit «rühmen», «rühmlich» oder «Ruhm» nichts zu tun hat, sondern einfach nur «bekannt sein» bedeutet.

Gut. Und worauf wollen Sie hinaus?
Es gibt Menschen, die dieses Berühmtsein zu ihrer Lebenswirklichkeit gemacht haben, man könnte auch sagen: zu ihrem Beruf. Diese Menschen bilden den leuchtenden Prominentenschweif, den der Medienplanet hinter sich herzieht. Wer nun aber plötzlich aus diesem Schweif herausfällt, stürzt ins Bodenlose. So gesehen ist Burnout eine Folge der Überforderung, immer leuchten zu wollen, immer strahlen zu müssen, immer im Scheinwerferlicht stehen zu dürfen. Burnout ist ein Warnschuss: die Drohung mit dem unerträglichen Dunkel. Also wird nach dem Burnout schleunigst wieder das Licht gesucht – der Lichtschweif der Medien.

..............................................................................................................................................

Ihre Meinung interessiert uns: Diskutieren Sie mit - im unten zur Verfügung gestellten Kommentarfeld. 

 

Auch interessant