Auf einen Espresso Über das Märchen vom gemässigten Islamismus

Frank A. Meyer und Marc Walder - Fragen und Meinungen zu den Themen der Woche.
Frank A. Meyer, 67, (l.) arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Marc Walder, 45, ist CEO Ringier Schweiz und Deutschland.
© Thomas Buchwalder Frank A. Meyer, 67, (l.) arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Marc Walder, 45, ist CEO Ringier Schweiz und Deutschland.

Sagen Sie mal, Frank A. Meyer: Mohammed Mursi ist der erste frei gewählte Islamist an der Spitze eines arabischen Staates. 
Ja, leider ...

Wieso leider? Viele Schweizer haben sich gefreut, als der arabische Frühling auch in Ägypten siegte.
Jetzt siegt gerade der arabische Winter. Mursi ist Muslimbruder, ein in der Wolle gefärbter Fundamentalist.

Aber doch ein gemässigter!
Lieber Marc Walder, Ihr Einwand spiegelt die heilige Einfalt von Politik und Publizistik: Es gibt neuerdings «gemässigte» Islamisten! Bisher bezeichnete der Begriff «Islamist» radikale, also das Gegenteil moderater Muslime. Wobei ich auch diesen Unterschied schon immer für fatal hielt.

Sind für Sie alle Muslime radikale Islamisten?
Unsinn! Darum geht es gar nicht.

Worum geht es dann?
Der Islam ist nicht gut oder böse. Er ist eine Religion, die sich bis auf den heutigen Tag auch als politisches System versteht. Und das ist das Problem: der politische Machtanspruch dieser Religion.

Der radikale Islam hat nun im mächtigsten Staat der arabischen Welt eine Mehrheit des Volkes hinter sich.
Gewählt werden bedeutet noch lange nicht, dass man Demokrat ist. Man kann nicht Muslimbruder und Demokrat sein, wie man nicht Kommunist und Demokrat sein konnte. Manchmal steht die Mehrheit auch hinter einer Diktatur, manchmal hinter einer religiösen, wie wir es ja seit 1979 im Iran erleben.

Dass in Ägypten ein Militärregime von der Demokratie abgelöst wurde, ist aber doch eine positive Nachricht?
Ob nach dem Regime von Hosni Mubarak nun die Demokratie gesiegt hat, daran habe ich grosse Zweifel. Islamische Regimes sind meist totalitärer als säkulare Diktaturen, auch als Militärdiktaturen, denn der Islam bestimmt das Leben des Einzelnen ebenso autoritär wie das Leben von Staat und Gesellschaft – ein hermetisch geschlossenes System.

Hätten Sie lieber, dass in Kairo eine Generals-Junta regiert?
Wofür ich plädiere, ist die säkulare, die nichtreligiöse Regierungsform. Unter dem Diktator Mubarak entwickelte sich immerhin eine gebildete Schicht junger Leute, die schliesslich auf den Tahrir-Platz die Revolution in Szene setzte – mit dem Smartphone in der Hand. Erinnern Sie sich noch an die Bilder von damals, lieber Marc Walder?

Aber selbstverständlich. Warum fragen Sie?
Weil sie freie junge Menschen zeigten. Frauen ohne Kopftuch, Männer mit offenen Gesichtern. Und was sehen wir heute? Verbissene Bartträger, die «Allahu akbar!» brüllen – und Frauen, vermummt, als Individuen eliminiert.

Mursi will eine Frau und einen koptischen Christen zu Vize-Präsidenten machen. So schlimm kann es also nicht sein …
Ägypten ist gezwungen, Signale für den Tourismus auszusenden. Die Muslimbrüder werden Sonderkulturzonen dulden, wo sich westliche Frauen frei bewegen dürfen.

Islamisten wie Mursi hatten schon immer ein Problem mit Israel. Was kommt da auf uns zu?
Israel ist eine Demokratie und ein Rechtsstaat. Der nicht säkularisierte Islam ist mit Demokratie und Rechtsstaat nicht vereinbar.

Was bedeutet das für den Frieden im Nahen Osten?
Sicher nichts Gutes. Frieden gibt es erst, wenn die Nationen des Nahen Ostens vom Machtanspruch der Religion befreit sind – wie es in unseren westlichen Demokratien der Fall ist.

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