Auf einen Espresso Über das Massaker und die Krise der Männlichkeit

Frank A. Meyer und Marc Walder - Fragen und Meinungen zu den Themen der Woche.
Frank A. Meyer, 67, (l.) arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Marc Walder, 45, ist CEO Ringier Schweiz und Deutschland.
Frank A. Meyer, 67, (l.) arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Marc Walder, 45, ist CEO Ringier Schweiz und Deutschland.

Sagen Sie mal, Frank A. Meyer, über Gewalttaten junger Menschen haben wir hier ja schon wiederholt debattiert.
Ja, leider. Leider vor allem deshalb, weil wir noch so kluge Überlegungen anstellen können, ohne dass sich das Geringste ändert.

Sie sind also auch ratlos.
Völlig ratlos.

Und doch habe ich das Gefühl, mit dem Massaker an 20 Schulkindern und sieben Erwachsenen in Newtown, Connecticut, ist eine neue Dimension erreicht.
Ja, kleine Kinder erschiessen – da ist einem jugendlichen Mörder tatsächlich eine neue Gewaltvariante eingefallen, auf die man nur noch zynisch oder verzweifelt reagieren kann, mit Tränen!

Versuchen wir es doch trotzdem einmal – was könnte es sein, das junge Menschen zu solchen Verbrechen treibt?
Zunächst einmal ist eine Bluttat immer die Folge individueller Voraussetzungen. Die kennen wir im Fall Newtown noch nicht. Doch neben den subjektiven muss es auch objektive Beweggründe geben, also gesellschaftliche Bedingungen, die Mord und Totschlag für junge Menschen denkbar werden lassen – das Töten als Option.

Welche Voraussetzungen meinen Sie da?
Wenn wir in die Zeitung schauen, ins Fernsehen, in den Nachrichtenstrom des Internets, dann breitet sich vor unseren Augen ein wahrer Teppich der Gewalt aus: Kriege, Revolutionen, Verbrechen, aber auch subtilere Formen der Gewalt wie Wirtschaftskrieg, Unterdrückung der Schwachen, Ausgrenzung von Unangepassten und Andersdenkenden, schliesslich Gewalt-Games auf dem Laptop oder die unablässige Folge von Mord- und Totschlagfilmen.

Alle Studien zeigen, dass in Ländern, wo die Zahl privater Schusswaffen hoch ist, auch die Zahl der Opfer hoch ist.
Lieber Marc Walder, ich finde den Waffenfetischismus in den USA pervers und die Gewehr-im-Schrank-Ideologie in der Schweiz idiotisch – aber junge Mörder treten ihre Opfer auch mit Füssen tot. Füsse kann man nicht verbieten.

Ja, haben Sie denn eine Lösung?
Niemand hat eine Lösung. Aber eines fällt mir auf: Es sind vor allem junge Männer, die dem Gewaltrausch verfallen. Und ich glaube, die männliche Jugend hat in unserer Gesellschaft ein neues, grosses Problem.

Wie? Worauf wollen Sie jetzt hinaus?
Das alte männliche Selbstverständnis, das Macho-Ideal, mit dem auch ich noch aufgewachsen bin, ist heute völlig infrage gestellt. Es gilt als lächerlich.

Würden Sie denn gern das alte Männerbild wiederbeleben?
Nein, aber Heranwachsende, die sich nicht mehr am traditionellen Männlichkeits-Ideal orientieren können, brauchen Hilfe, um ein neues, emanzipiertes Selbstbild zu entwickeln. Sie erleben, wie sie von selbstbewussten und ehrgeizigen jungen Frauen in den Schatten gestellt werden; sie erfahren, dass sie in der Rolle des klassischen Ernährers überflüssig sind, ja nicht einmal mehr als die sogenannte starke Schulter infrage kommen.

Dieses neue Männerbild: Wie könnte das aussehen?
Es wäre der endgültige Verzicht auf den Anspruch, dass der Mann allein durch sein Mannsein schon mehr bedeutet als die Frau. Bisher steht der Begriff Emanzipation ausschliesslich für die Entwicklung der Frau zur selbstbestimmten Persönlichkeit, die sich frei fühlt von jeder Männer-Herrschaft. Aber das war von Anfang an eine allzu enge Perspektive. Emanzipation erfordert vor allem die Emanzipation des Mannes: seine Entwicklung vom überlegenen Geschöpf, aus dessen Rippe der liebe Gott die Frau geformt hat, zum freien Menschen. Der männlichen Jugend wird heute eine Revolution abverlangt, schon im frühen Schulalter. Und wir Erwachsenen lassen sie damit allein.

Was können wir denn tun?
Mannwerden sollte Schulfach sein – mit dem Erziehungsziel, ein Selbstbewusstsein zu schaffen, das die Männlichkeit nicht mehr als Krücke braucht.

Sind Sie selber so ein Mann, Frank A. Meyer?
Würde ich das jetzt einfach so und ohne jeden Selbstzweifel bejahen, wäre es doch eine sehr gewagte Antwort.

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