Auf einen Espresso Über das Pin-up-Girl, die Queen und den Teddybären

Frank A. Meyer und Marc Walder - Fragen und Meinungen zu den Themen der Woche.
MARC WALDER, 46, ist CEO Ringier Schweiz und Deutschland FRANK A. MEYER, 68, arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Er lebt in Berlin.
© Thomas Buchwalder MARC WALDER, 46, ist CEO Ringier Schweiz und Deutschland FRANK A. MEYER, 68, arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Er lebt in Berlin.

Sagen Sie mal, Frank A. Meyer, interessieren Sie sich eigentlich für Berichte über den 60. Jahrestag der Thronbesteigung von Queen Elizabeth II.?
Ich habe sogar einen intimen Bezug zur Queen – einen kindlich-intimen, wenn Sie so wollen.

Wie darf ich das verstehen?
Bei Elizabeths Krönung war ich achtjährig. In einer Illustrierten – es muss die «Schweizer Illustrierte Zeitung» gewesen sein – entdeckte ich ein Bild der jungen Queen, wie sie in Uniform auf einem Pferd sass. Ich war fasziniert, ich konnte mich nicht sattsehen und schnitt das Foto aus, um es im Kinderzimmer an die Wand zu hängen. Die Queen wurde mein einziges Pin-up-Girl. «Pin-up» heisst ja: mit einer Nadel an der Wand befestigt. Im Rückblick stellte ich fest, dass diese uniformierte Schönheit einen der frühesten erotischen Schauer in mir ausgelöst hatte.

Sie verblüffen mich.
Weshalb?

Sie sind, seit ich Sie kenne, ein kritischer Intellektueller, der die grossen politischen und wirtschaftlichen Themen der Welt mit der Kraft des Verstandes durchdringt. Und heute sagen Sie mir, die Königin von England sei Ihr erstes und einziges Pin-up-Girl gewesen. Wie passt das zusammen?
Meine Begeisterung für schöne Frauen und die Begeisterung für Politik und Publizistik lassen sich nicht voneinander trennen. Es geht ja in der Politik um das Leben, im besten Fall um das wahre Leben, manchmal sogar um das, was die Menschen am tiefsten berührt: Liebe und Erotik. Queen Elizabeth spielt in diesem philosophisch erweiterten Politikbegriff gerade heute eine wichtige Rolle: In unserer hektischen Zeit ständiger Veränderungen und Verwerfungen verkörpert sie die Kontinuität. Es gab sie vorvorgestern, als ich Kind war; es gab sie vorgestern, als ich jung war; es gab sie gestern, als ich erwachsen wurde. Und es gibt sie heute.

Sie verblüffen mich schon wieder. Sind Sie etwa Royalist?
Im Gegenteil. Ich bin ein äusserst streitbarer Republikaner! Doch die Queen wirkt weit über ihre Rolle als Königin hinaus. Royals gibt es wie Sand am Meer. Denken Sie nur an die Prinzessinnen der Piraten-Monarchie Monaco: halbseidenes Heftchen-Futter. Die Queen dagegen braucht es wirklich.

Wirklich?
Sie können das beim Giessener Philosophen Odo Marquard nachlesen. Er spricht davon, dass die moderne Welt mit ihren fortwährenden Umwälzungen und Brüchen einen Ausgleich brauche: durch die bewusste Pflege der Kontinuität. Als Beispiel führt er die ganz kleinen Kinder an, die auf ihrer Entdeckung der Welt «eine eiserne Ration an Vertrautem kontinuierlich mit sich führen: ihre Teddybären». Queen Elizabeth ist unser aller Teddybär – der Teddybär der globalisierten Welt.

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