Auf einen Espresso Über das Unaussprechliche in der Politik

Frank A. Meyer und Marc Walder - Fragen und Meinungen zu den Themen der Woche.
Frank A. Meyer, 68, arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Er lebt in Berlin. Marc Walder, 47, ist CEO der Ringier AG.
© Thomas Buchwalder Frank A. Meyer, 68, arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Er lebt in Berlin. Marc Walder, 47, ist CEO der Ringier AG.

Sagen Sie mal, Frank A. Meyer: Am Tag, als Margaret Thatcher starb, schrieb Juso-Präsident David Roth auf seiner Facebook-Seite: «Ich glaube, es ist nicht zynisch, heute ein Bier auf Maggies besten Tag zu trinken.» Darf ein SP-Vizepräsident so etwas?
Auf Facebook darf man alles. Es ist der Schrottplatz der Kommunikation. Allerdings stellt sich die Frage, was geschehen wäre, hätte ein SVP-Jungpolitiker den Tod einer sozialdemokratischen Politikerin mit diesem geschmacklosen Spruch kommentiert – man hätte ihn unter Mediengeheul zum Rücktritt bewegt.

Verstehe ich Sie richtig: Sie würden Roth den Rücktritt empfehlen?
Ich würde ihm empfehlen, politisch einen zweiten Anlauf zu nehmen …

FDP-Präsident Philipp Müller sagte über einen CEO: «Ein Arschloch bleibt ein Arschloch.» Weil der Top-Manager, den er wegen seines 7,2-Millionen-Gehalts kritisiert hatte, ihn korrigierte – er verdiene nicht 7,2, sondern 8,9 Millionen. Darf ein FDP-Präsident so etwas?
Manchmal liegt einem ja ein Kraftausdruck auf den Lippen. Vielleicht sogar in Bezug auf einen FDP-Präsidenten oder eben einen Boni-Ritter. Sie kennen das bestimmt aus eigener Erfahrung, lieber Marc Walder …

Aber?
Aber man spricht es dann nicht aus. Höflichkeit hält uns nicht nur von beleidigenden oder verletzenden Sprüchen ab, sondern erfordert auch grundsätzlich eine intelligentere Ausdrucksweise, als sie uns der erste Impuls eingibt. Man spricht nicht umsonst von «political correctness». Diese Umgangsform der demokratischen Kultur ist aber in den letzten zwanzig Jahren in Verruf geraten.

Was ist da los mit unseren Politikern?
«Political correctness» wird neuerdings als Schimpfwort gebraucht. Man will endlich wieder reden, wie einem der Schnabel gewachsen ist. Das klingt zwar gut und vor allem volkstümlich. Es öffnet aber der verbalen Vulgarität Tür und Tor. Die politische Rhetorik ist vulgär geworden.

Warum?
Weil die Medien, besonders das Fernsehen und das Internet, auf Spektakel aus sind: Wer die Regeln verletzt, gilt Journalisten als interessant und dem Publikum als spannend. Man hält Politiker, die sich einer vulgären Ausdrucksweise bedienen, für grosse Rhetoriker, für Helden der ungeschminkten Wahrheit.

Philipp Müller wurde für seine deplatzierte Rhetorik hart kritisiert.
Das gehört zum Spiel mit der Vulgarität: Man bejubelt sie, und man prügelt sie – gestern hui, heute pfui: Man sendet und publiziert, worüber man sich empören kann, weil man dann gleich zwei Mal den Quotennutzen hat. Journalisten haben ein untrügliches Gespür für Wirkung. Es sind allerdings nicht nur die Medien, die politische Flegel beflügeln. Es gibt auch eine Partei, die sich diesen Verfall der Sitten auf meisterhafte Art zunutze gemacht hat und deshalb teilweise auch verantwortet: die SVP.

Haben Politiker denn heute überhaupt noch eine Chance, sich Gehör zu verschaffen, wenn sie die von Ihnen zitierte «political correctness» respektieren?
Lassen Sie mich von meinen eigenen Erfahrungen reden.

Gern.
Ich erlebe nämlich in Deutschland eine ganz andere Entwicklung.

Und zwar?
Politiker, die sich rhetorische Zurückhaltung auferlegen, die sich – bei aller intellektuellen Schärfe – verbale Ausfälle verbieten, sind hier sehr erfolgreich: Allen voran Angela Merkel, aber auch die Ministerpräsidenten Kretschmann in Baden-Württemberg und Scholz in Hamburg oder Hannelore Kraft, die Regierungschefin von Nordrhein-Westfalen. Die hohe Kultur der demokratischen Rede zeichnet sich nun mal durch eine ganz besonders anspruchsvolle Qualität aus – durch gnadenlose Höflichkeit.

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