Auf einen Espresso Über das Verschwinden der Kindheit

Frank A. Meyer und Marc Walder - Fragen und Meinungen zu den Themen der Woche.
Frank A. Meyer, 68, arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Er lebt in Berlin. Marc Walder, 47, ist CEO der Ringier AG.
© Thomas Buchwalder Frank A. Meyer, 68, arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Er lebt in Berlin. Marc Walder, 47, ist CEO der Ringier AG.

Sagen Sie mal, Frank A. Meyer, worüber wollen wir heute reden?
Über das Verschwinden der Kindheit. Über die Dübendorfer Kinder Agentur Swiss. Sie bietet Eltern an, ihre Kinder zu Werbestars zu machen.

Warum interessiert Sie das?
Weil es ein weiteres Beispiel für den Raub von Kindheit ist, wie er heute durch die Werbewirtschaft betrieben wird – leider mithilfe vieler Eltern.

Die Agentur vermittelt Kinder an Werbeagenturen oder Filmproduzenten. Was ist daran so schlimm?
Sie sagen schlimm. Ich stelle nur fest, was da geschieht: Ein Kind, das für Filme oder Werbespots vermarktet wird, verliert augenblicklich seine kindliche Unbefangenheit. Es wird in Rollen gedrängt, es wird der öffentlichen Aufmerksamkeit ausgesetzt, es muss einem erwachsenen Publikum gefallen – Produzenten wie Konsumenten. Ja, es muss sie verführen und die entsprechenden Posen einüben. Da findet eine Entkindlichung statt, ich würde sogar sagen: eine Vergewaltigung der kindlichen Seele. Ein Kind, das man als Reklamefigur missbraucht, wird zum Produkt.

Sie übertreiben masslos. Wenn ein Kind für den Verkauf einer Eiscreme-Marke lächelt, wird es noch lange nicht vergewaltigt.
Es lächelt für Geld. Es lächelt nicht in einem Kindertheater, das die Schule veranstaltet, wo alles Spiel ist. Nein, es lächelt im Ernst. Und, lieber Marc Walder, diese Agentur ist ja nur ein Beispiel.

Ein Beispiel wofür?
Kinder sind heute wandelnde Werbeträger, selbst wenn sie nicht in einem Spot auftreten. Sie tragen die angesagten Marken. Und sie wissen, dass sie diese Marken auch tragen müssen, die Schuhe, das T-Shirt, um den Hals den Kopfhörer des iPhones, wenn sie in der Schule dazugehören wollen. Ich würde sogar behaupten: Kinder arbeiten für Produkte, indem sie sich mit diesen Produkten identifizieren.

Schon wieder so eine Zuspitzung!
Ich mache mit dieser Zuspitzung sichtbar, was ich für meinen zehnjährigen Enkel sichtbar zu machen versuche. Ich sage ihm: «Dein Name ist Anatol Frank und nicht Nike oder Ice Watch oder Converse oder Bench. Wenn du Anatol Frank bleiben möchtest, solltest du auf diese Marken verzichten.»

Das versteht Anatol Frank sicher nicht.
Das Erstaunliche ist, dass er es irgendwie doch versteht! So wie er eben auch die Verführungen versteht, die durch die Werbung an ihn herangetragen werden. Das ist ja das Bizarre und das Traurige: dass Kinder dies alles schon verstehen, weil sie in eine völlig durch-ökonomisierte Erwachsenenwelt gelockt werden. In früheren Jahrhunderten raubte ihnen die Armut ihre Kindheit, wenn sie im Stall und auf dem Acker, im Bergwerk und in der Fabrik arbeiten mussten wie heute noch in Indien, Bangladesch oder anderen armen Ländern.

Und was hat das jetzt alles mit der Schweiz zu tun?
Bei uns raubt die Pflicht zum Konsum den Kindern die Kindheit. Auf diese Pflicht werden sie von der Gesellschaft regelrecht dressiert – auch von ihren Eltern.

Sie attackieren mit Ihren Aussagen Hunderttausende von Müttern und Vätern.
Ich stelle nur fest, dass Hunderttausende von Müttern und Vätern ihre Kinder mit einer Heilserwartung belasten: Die Kleinen sollen sich möglichst früh der Konsumgesellschaft anpassen, die ihnen doch eine glänzende Zukunft verheisst. Die Freiheit, das Verspielte und Ziellose der Kindheit wird als Zeitverschwendung betrachtet.

Da berühren Sie jetzt wirklich ein Problem …
Im Berndeutsch gibt es ein wunderbares Wort für diese ziellose Kindheit: «ganggle» – einfach nur spielen, ohne Sinn und Zweck, ohne Ziel und Zwang, verspielt sein, also Kind sein. Diese glückliche Phase der Ziellosigkeit wird heute immer kürzer, immer seltener. Sie wird ersetzt durch Zielstrebigkeit.

.............................................................................................................................................

Ihre Meinung interessiert uns: Diskutieren Sie mit - im unten zur Verfügung gestellten Kommentarfeld.  

Auch interessant