Auf einen Espresso Über das Verteilen und Verbrennen des Korans

Frank A. Meyer und Marc Walder - Fragen und Meinungen zu den Themen der Woche.
FRANK A. MEYER, 67, (l.) arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Er lebt in Berlin. MARC WALDER, 46, ist CEO Ringier Schweiz und Deutschland.
© Thomas Buchwalder FRANK A. MEYER, 67, (l.) arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Er lebt in Berlin. MARC WALDER, 46, ist CEO Ringier Schweiz und Deutschland.

Sagen Sie mal, Frank A. Meyer, in Deutschland verschenken Salafisten auf offener Strasse den Koran: Darf man das denn einfach so geschehen lassen?
Nach dem deutschen Grundgesetz ist das Verteilen des Korans an Passanten ebenso zulässig, wie es das Verteilen der Bibel wäre – übrigens auch nach der Schweizer Verfassung. Rechtlich gesehen ist also alles in Ordnung.

Und was ist nicht in Ordnung?
Die Salafisten sind die fundamentalistischsten aller fundamentalistischen Islamisten. Sie missionieren für eine Gesellschaft, die sich buchstabengetreu nach Koran und Scharia richtet. Sie predigen ein System der Unterdrückung und der Gewalttätigkeit gegen Andersdenkende, vor allem gegen Andersgläubige.

Aber Sie sagten ja gerade, dies sei ihr gutes Recht.
Stellen Sie sich vor, Christen wollten in einem islamischen Land öffentlich die Bibel verteilen! Die Salafisten nehmen unser freiheitliches Recht für sich in Anspruch – bei ihrem Kampf gegen eben jenes Grundgesetz, das sie sofort abschaffen würden, hätten sie die Macht dazu.

Bei uns herrscht nun mal Religionsfreiheit!
Wir leisten uns Freiheit für Freiheitsfeinde, Toleranz gegenüber Intoleranten.

Richtig. Nur: Was soll daran falsch sein?
Falsch ist die Verharmlosung, die leider mit unserer Toleranz einhergeht. Von Publizisten und Politikern ist oft der Satz zu hören: «Ach, man muss das doch nicht so ernst nehmen.» Man muss es aber ernst nehmen! Was wäre, lieber Marc Walder, wenn ein Bürger, dem die Salafisten den Koran aufgenötigt haben, das heilige Buch in den Abfallkübel wirft?

Ja und? Worauf wollen Sie hinaus?
Denken Sie zurück an den Februar: Die ganze islamische Welt schrie auf, es gab Demonstrationen mit Toten und Verletzten, es gab Schiessereien und Bombenanschläge, weil amerikanische Soldaten in Afghanistan gebrauchte Korane aus einem ihrer Gefängnisse verbrannt hatten.

Was hat das jetzt mit den Salafisten zu tun?
Die Koranverteilung durch die Salafisten ist ein aggressiver Akt, hinter ihr stecken Hassprediger. Für Ibrahim Abou-Nagie, den Mann, der die Aktion initiiert hat, ist jeder, der nicht Allah dient, «ein Tier». Er erklärt auch: «Christen und Juden kommen in die Hölle, wenn sie den Islam nicht annehmen!» Das klingt in unseren Ohren krank. Doch für Abou-Nagie ist es die Wahrheit des Korans und damit des Islams. Viele Salafisten sind hochgefährlich und nach Erkenntnissen des deutschen Verfassungsschutzes auch gewaltbereit.

Wie erklären Sie sich diese Aggressivität?
Sie ist nur zu erklären mit dem Scheitern des Islams in unserer heutigen Welt: keine Freiheit, keine Demokratie, kein Rechtsstaat, keine moderne Wirtschaft, keine relevante Wissenschaft – nirgends ein islamischer Staat, der mehr zu bieten hätte als Öl und Massen junger Männer ohne Arbeit. Viele dieser jungen Männer flüchten in den Fundamentalismus. Sie versuchen, das Rad der Zeit zurückzudrehen. Bis ins Mittelalter, als der Islam noch eine stolze Macht war.

Aber nehmen Sie die Türkei, lieber Frank A. Meyer: Ist die nicht ein Gegenbeispiel zu Ihrer These?
Die Türkei ist das Gegenbeispiel eines Gegenbeispiels: Nur dank Kemal Atatürk, der das Land zu Beginn des letzten Jahrhunderts radikal aus dem Griff des Islams befreit hatte, konnte es sich zu einer erfolgreichen Wirtschaftsmacht entwickeln. Der Islamist Recep Tayyip Erdogan, der die Türkei heute anführt, weiss das genau. Jeder Schritt in Richtung Islamisierung bedeutet Misserfolg. Denn wo die Religion regiert, ersticken Initiativgeist und Eigenverantwortung.

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