Auf einen Espresso Über deine Freiheit und meine Freiheit

Frank A. Meyer und Marc Walder - Fragen und Meinungen zu den Themen der Woche.
Frank A. Meyer, 67, (l.) arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Marc Walder, 45, ist CEO Ringier Schweiz und Deutschland.
© Thomas Buchwalder Frank A. Meyer, 67, (l.) arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Marc Walder, 45, ist CEO Ringier Schweiz und Deutschland.

Sagen Sie mal, Frank A. Meyer, das finden Sie sicher gut: Bellinzona will den Lärm in Gaststätten auf 65 Dezibel begrenzen. Ausgerechnet die Tessiner sollen leiser werden – zwangsweise!
Selbstverständlich finde ich so etwas gut. Wie ich Ihnen bereits im letzten Jahr bei einem Espresso erläuterte.

Es scheint, das Thema lässt die Schweiz nicht los.
Lärm ist das Umweltproblem, um das sich die Parteien – auch die Grünen – bisher am wenigsten gekümmert haben. Man überlässt es empörten Bürgern und der Polizei.

Wer im städtischen Umfeld wohnt, muss mit etwas mehr Lärm umgehen können.
Etwas mehr Lärm, wie Sie es so zart ausdrücken, ist das eine. Ruhestörung, Krach und Krawall bis zum frühen Morgen sind das andere. Das Recht auf Ruhe wird aufs Gröbste verletzt: Aus den Beizen dröhnen Technobässe, bei Besäufnissen auf den Strassen wird gesungen und gebrüllt, Flaschen und Scheiben gehen zu Bruch – und das alles die ganze Nacht. Der öffentliche Raum ist Festwiese geworden.

Also sind Sie für Lärmbeschränkungen à la Bellinzona?
Ich bin für Toleranz und Freiheit.

Eben. Darum geht es doch. Toleranz und Freiheit.
Ja, lieber Marc Walder, aber nicht in Ihrem Sinne.

Sondern?
Lärm ist Intoleranz. Nämlich die Belästigung dessen, der nicht an der lärmigen Feier teilnimmt, der nicht bis morgens um vier tanzen will, der nicht grölend mit einer Wodkaflasche herumtorkeln möchte. Darum fordere ich Toleranz: also Rücksicht auf Ruhebedürftige, seien es Kinder, seien es ältere Menschen, seien es ganz normale Arbeitnehmer, die früh schlafen, weil sie früh wieder wach sein müssen.

Das klingt, bei allem Respekt, schon etwas spiessig.
So mag es klingen. Spiessig sind aber in Wirklichkeit die Ruhestörer, die ihr Spiessertum durch die Verlängerung des Tages in die Nacht, mit Alkoholexzessen und der Produktion von unmässigem Lärm zu übertönen suchen.

Freiheit ist für Sie bisher stets ein zentraler Wert gewesen!
Genau. Aber schön aufgeteilt in «deine Freiheit» und «meine Freiheit». Denn der Lärm der einen ist die Unfreiheit der anderen. Darum muss Freiheit gerade für die jugendlichen Partygänger wieder einmal ausbuchstabiert werden. Was ja im Grunde ganz einfach ist: Freiheit geht bis zu der Grenze, wo sie die Freiheit des anderen beeinträchtigt. Und Lärm beeinträchtigt nun mal die Ruhe. Gibt es etwas Einfacheres?

Nochmals: Öffentlicher Raum ist Lebensraum. Und Leben tönt.
Damit Sie es begreifen, gebe ich Ihnen ein simples Beispiel.

Danke!
Wenn die Sonne die Menschen wärmt, flanieren sie am See, legen sich auf die Wiese, schwatzen, lachen, mit einem Glace in der Hand: eine fröhliche Stimmung. Dann installieren sich – mitten auf der Wiese – junge Leute mit einer dieser Musikanlagen und lassen ihre Lieblingssongs erschallen.

Und dann?
Und dann muss jeder an diesem Konzert teilnehmen, ob er will oder nicht, die ganze Wiese. Wer etwas zu sagen wagt, wird abgefertigt mit «Hast du ein Problem?» oder «Sei doch ein bisschen tolerant». Wer ist hier intolerant? Wer beschränkt hier die Freiheit? Die ganze Debatte läuft schief. Die Stadt Biel will mittags und nachts Tonabspielgeräte im Freien verbieten. Auch in privaten Gärten. Das hält der Freiburger Staatsrechtsprofessor Bernhard Waldmann für einen unverhältnismässigen Eingriff in die Freiheitsrechte. So weit sind wir schon. Sogar ein Staatsrechtler weiss nicht mehr, was Freiheit ist!

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