Auf einen Espresso Über den Alltag, die Ferien und das Reisen im Kopf

Frank A. Meyer und Marc Walder - Fragen und Meinungen zu den Themen der Woche.
Frank A. Meyer, 67, (l.) arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Marc Walder, 45, ist CEO Ringier Schweiz und Deutschland.
© Thomas Buchwalder Frank A. Meyer, 67, (l.) arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Marc Walder, 45, ist CEO Ringier Schweiz und Deutschland.

Sagen Sie mal, Frank A. Meyer, was lesen Sie zurzeit? Ich weiss ja, Sie sind ein Büchernarr.
Interessant finde ich den Begriff «Büchernarr».

Wieso?
Weil sich da die Frage stellt: Sind Leute, die Bücher lesen, Narren?

Sind sie es denn?
Wenn Sie meinen, ich sei ins Lesen vernarrt, dann haben Sie recht.

Wie viele Bücher lesen Sie denn? Pro Woche oder pro Monat?
So kann ich das nicht quantifizieren. Bücher begleiten mich überall, sie sind immer um mich herum. Ich muss auswählen können. Je nach Lust und Stimmung. Ich lese auch nicht ein Buch nach dem anderen, sondern stets mehrere parallel. Lesen ist Leben.

Also, was lesen Sie gerade?
Zurzeit verschlinge ich Irène Némirovsky, und zwar alles, was diese grossartige Schriftstellerin verfasst hat. Im Augenblick ihren Roman «Feuer im Herbst», eine brillante Schilderung der bürgerlichen Gesellschaft in Frankreich zwischen den Kriegen. Am meisten «vernarrt» bin ich in die Frauenbilder dieser jüdischen Autorin. Mit 39 Jahren wurde sie von den Nazis in Auschwitz ermordet.

Sie sagen, Sie lesen parallel. Was lesen Sie sonst noch?
Némirovsky hat mich auf Frauenbilder gebracht, darum lese ich gerade wieder Guy de Maupassant und «Eine Frau von vierzig Jahren» aus der Feder der im deutschen Sprachraum fast vergessenen Vita Sackville-West.

Lesen Sie nur Romane oder auch Sachliteratur?
Romane bedeuten mir mehr. Im Augenblick bin ich aber dabei, den Schweizer Historiker Jacob Burckhardt neu zu entdecken. Fesselnd finde ich auch zwei Bücher zur wirtschaftlichen Lage: «Der Preis des Geldes» von Christina von Braun und «Gut und Böse» von Tomáš Sedlác?e k. Beides Werke, die sich mit Mythos und Kultur von Geld und Ökonomie beschäftigen. Beide entlarven die Wirtschaftswissenschaften unserer Tage als Scharlatanerie.

Sie sagen, Romane bedeuten Ihnen mehr als Sachliteratur.
Der Mensch erfährt das Leben in seinem begrenzten Alltag, in Gesprächen mit anderen, in der Begegnung mit fernen Gegenden und Gebräuchen. Die Literatur erlaubt uns das völlig unbeschränkte Eintauchen in Erlebniswelten, die Autoren und Dichter für uns schildern und gestalten.

Was ist das eigentlich, «Literatur»?
Die klassische Literatur eröffnet eine Sicht auf Menschen und Gesellschaften, deren Wahrheiten wir auf uns, auf unsere Zeit und Kultur übertragen. Goethe, Fontane, Mann, Flaubert, Stendhal schrieben in einer anderen Zeit, bleiben aber gültig für unsere – für alle Zeiten. Ich freue mich schon, einen jungen Klassiker demnächst ein zweites Mal zu lesen: John Steinbecks «Früchte des Zorns» über die Grosse Depression der 30er-Jahre in den USA. Welches Stück Literatur könnte aktueller sein für eine Wirklichkeit, die gerade Millionen von Menschen zu Opfern der Geldgewalt macht?

Welche Bücher empfehlen Sie den Leserinnen und Lesern der Schweizer Illustrierten für diesen Sommer?
Natürlich alles von Némirovsky. Und dann ein gewaltiges Werk, das ich jedem denkenden Bürger ans Herz lege: Heinrich August Winklers Studie «Der Westen». Er zeigt auf, woher unsere politische Kultur kommt, woher Freiheit, Demokratie und Rechtsstaat kommen. In dieser Zeit der Relativierung und Umwertung aller Werte ist es mehr als dringlich, dass wir uns wieder auf die Substanz unserer abendländischen Gesellschaft besinnen.

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