Auf einen Espresso Über den Bischof, die Steine und das Glashaus

Frank A. Meyer und Marc Walder - Fragen und Meinungen zu den Themen der Woche.
Marc Walder, 47, ist CEO der Ringier AG. Frank A. Meyer, 68, arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Er lebt in Berlin.
© Thomas Buchwalder Marc Walder, 47, ist CEO der Ringier AG. Frank A. Meyer, 68, arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Er lebt in Berlin.

Sagen Sie mal, Frank A. Meyer, Zürichs Justizdirektor Martin Graf bezeichnet Papst Franziskus und den Churer Bischof Huonder als «rückständig» und «verfassungsfeindlich». Sind Sie einverstanden mit Herrn Graf?
Ich verstehe ihn zumindest.

Verstehen Sie ihn, oder teilen Sie seine Meinung?
Vor allem verstehe ich, dass ihm der Kragen geplatzt ist.

Sie sind seit Jahren ein kritischer Beobachter der katholischen Kirche und können uns das sicher erklären.
Zunächst einmal: Dass Bischof Huonder «rückständig» ist, halte ich für eine Untertreibung. Es ist das Mindeste, was man über diesen anmassenden Kleriker sagen kann. Auch der abgetretene Papst Benedikt XVI. war rückständig – und mehr als das! Um wie viel weniger rückständig ist Benedikts Nachfolger Franziskus?

Die Kritik Grafs richtet sich gegen das Zölibat, gegen die Verweigerung des Priesteramts für Frauen, die Nichtanerkennung gleichgeschlechtlicher Paare und das Heiratsverbot für Geschiedene – also gegen vier Kernanliegen des Vatikans …
… und die darf man selbstverständlich kritisieren. Als Protestant, als Agnostiker, als Atheist, nicht zuletzt als fortschrittlicher, moderner Katholik. Und natürlich als Demokrat. Bischof Huonder fordert ausserdem, dass Wiederverheiratete von den Sakramenten ausgeschlossen werden. Womit er sogar den Widerstand von Priestern und Gläubigen herausgefordert hat. Dieser Bischof ist also selbst für Katholiken ein Ärgernis.

Huonder hält die Kritik für einen «Angriff auf die Religionsfreiheit» und behauptet: «Die Aussagen des Justizdirektors sind Ausdruck einer totalitären Gesinnung.» Durfte sich Martin Graf als Vertreter des Staates so in die Belange der Kirche einmischen, lieber Frank A. Meyer?
Die katholische Kirche mischt sich ihrerseits in alles und jedes ein, wann immer es ihr gefällt! Immerhin hat sie, nach eigenem Selbstverständnis, den lieben Gott auf ihrer Seite und damit die Wahrheit gepachtet. So gesehen ist der Protestant Graf geradezu ein mutiger Mann. Aber zum Vorwurf Huonders, die Äusserungen des Regierungsrates seien «totalitär», fällt mir nur ein Wort ein.

Welches?
Dumm.

Dumm?
Hier wirft einer, der selbst im autoritären Glashaus der papistischen Kirche sitzt, mit Steinen auf einen Schweizer Republikaner und Demokraten.

Was wollen Sie damit sagen?
Huonder sollte wissen, was totalitär heisst, hat sich doch seine Kirche ganz besonders im 20. Jahrhundert immer wieder mit totalitären Mächten eingelassen: von Hitler und Mussolini über Franco in Spanien und Salazar in Portugal bis hin zu Pinochet in Chile und dem gerade erst verstorbenen Videla in Argentinien. Mit der Demokratie dagegen hat sie immer wieder ihre Schwierigkeiten gehabt, wie Huonder uns gerade erneut vor Augen führt.

Zurück zu den ursprünglichen Aussagen von Bischof Huonder: Darf ein Bischof überhaupt – simpel gefragt – auf diese Weise über Homosexuelle oder Geschiedene urteilen?
Das Zölibat zwingt die Priester nun mal zu einer gewissen Ferne vom wirklichen Leben. Da kommt man natürlich zu solchen Urteilen.

Aber?
Aber die katholische Kirche darf das. Und Bischof Huonder darf es auch. Er darf es so laut und deutlich und provokativ, wie es ihm gerade in den Sinn kommt. Es würde uns ja auch wirklich etwas fehlen, gäbe es die Huonders nicht.

Wieso jetzt das?
Die Huonders dieser Welt, lieber Marc Walder, haben nicht immer nur unrecht. Mitsamt ihrem vatikanischen Dogmatismus sind sie ein Teil der demokratischen Debatte. Was Huonder jetzt allerdings fordert, geht gar nicht: dass andere zu seinem reaktionären Regime im Bistum Chur schweigen.

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