Auf einen Espresso Über den Glamour der Gewalt

Frank A. Meyer und Marc Walder - Fragen und Meinungen zu den Themen der Woche.
Frank A. Meyer, 67, (l.) arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Marc Walder, 45, ist CEO Ringier Schweiz und Deutschland.
© Thomas Buchwalder Frank A. Meyer, 67, (l.) arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Marc Walder, 45, ist CEO Ringier Schweiz und Deutschland.

Sagen Sie mal, Frank A. Meyer, vergangene Woche schlugen Jugendliche einen 17-Jährigen zusammen und raubten ihn aus - mitten in der Zürcher City. Es war nur einer von vielen ähnlichen Überfällen der letzten Monate. Was ist in die jungen Menschen gefahren?
Der Zeitgeist.

Wie meinen Sie das jetzt?
Der Geist der Brutalität ist in die jungen Menschen gefahren. Der Ungeist einer Gesellschaft, in der sie vor allem lernen, dass nur der Starke respektiert und bewundert wird, der Schwache dagegen verachtet. Es ist das primitive Prinzip des Marktradikalismus, das sich hier manifestiert. Man könnte auch sagen, es ist die Widerspiegelung dieser niederträchtigen Weltanschauung im Alltag: Das Starke ist alles, das Schwache nichts. Ohne es zu spüren, nehmen die jungen Menschen dieses ideologische Gift Tag für Tag in sich auf.

Sie sehen das Problem der Jugendgewalt in einem recht grossen Zusammenhang. Sind Sie sich da wirklich sicher?
Ich kann es auch in einem kleineren Zusammenhang formulieren: Es fehlt an Anstand und an Rücksichtnahme. Wer versagt, wer nichts hat, wer es zu nichts bringt, der ist selber schuld - ist ein Opfer seiner selbst. Wer will da noch Mitgefühl haben? Auf den Schulhöfen ist Opfer bereits ein Schimpfwort: «Du Opfer», so werden Schwache zuerst stigmatisiert und dann schikaniert. Wenn die Starken die Lust dazu überkommt, wird das Opfer gern auch mal zusammengeschlagen. Auch wir haben uns früher als pubertierende Knaben und Jugendliche noch geprügelt - doch es war ein Kräftemessen unter Gleichen.

Und was ist es heute?
Heute suchen sich gewaltsüchtige Jugendliche nicht Gegner, sondern Opfer, also Schwächere und Wehrlose. Beispielsweise alte Menschen, Invalide oder eben unterlegene Gleichaltrige. Sie traktieren sie auf grausamste Weise, treten ihnen in den Unterleib und auf den Kopf. Wie im Rausch. Das pathologische Programm solcher Täter schliesst auch das Töten nicht aus.

Ich verstehe Ihre Analyse. Ich frage Sie aber: Sind es nicht vor allem die gesellschaftlich Ausgegrenzten, die Migranten, die da zuschlagen – also die Schwachen?
Sicher bringen Einwanderer aus patriarchischen Kulturen solche Verhaltensmuster in unsere westliche Gesellschaft mit, sei es vom Balkan, aus Nordafrika oder dem Nahen Osten. Dort gilt noch immer: Ein junger Mann muss sich mit männlichem Auftreten, mit Macho-Gehabe, mit Muskeln beweisen, Mädchen hingegen sollen scheu sein, keusch und gehorsam. Wahr ist aber auch: In unserer westlichen Zivilisation liegt die Macht ebenfalls beim Stärkeren und Stärksten. Das merken diese jungen Menschen sofort. Sie schlussfolgern daraus, dass in Wirklichkeit nur Stärke zählt. Und ihre Stärke ist nun mal nicht das Investmentbanking oder der Macht-kampf auf der Karriereleiter; ihre Stärke ist die Gewalt auf der Strasse. Sei es in Zürich, in Berlin oder London.

Und was ist mit den Eltern dieser gewaltbereiten Jugendlichen? Haben die jegliche Kontrolle über ihre Kinder verloren?
Was sollen Eltern da ausrichten? Die Gewalttäter werden ja bereits in den Medien gefeiert.

Wo und wie, bitte?
Ich gebe Ihnen zwei Beispiele. Das eine ist der Berliner Rapper Bushido. Sein Profil setzt sich zusammen aus Körperverletzung und Beleidigung, Frauen und Homosexuellen-Hass, Antisemitismus und Islamismus - dieser Typ erhielt den Bambi-Preis des grossen deutschen Burda-Verlags. Er wurde sogar zu einem Praktikum im deutschen Parlament eingeladen.

Und das andere Beispiel?
Kürzlich schlug der Rapper Sido vor laufender Kamera einen TV-Moderator zu Boden. Seitdem geht seine Tat durch die Medien. Was lernen die jungen Menschen daraus? Folgendes: Benimm dich wie ein Schwein, schlag jemanden zusammen - und du bist ein Held. Ein Medienheld.

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