Auf einen Espresso Über den Kandidaten Peer Steinbrück

Frank A. Meyer und Marc Walder - Fragen und Meinungen zu den Themen der Woche.
Frank A. Meyer, 68, (l.) arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Marc Walder, 47, ist CEO der Ringier AG.
© Thomas Buchwalder Frank A. Meyer, 68, (l.) arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Marc Walder, 47, ist CEO der Ringier AG.

Sagen Sie mal, Frank A. Meyer, Peer Steinbrück ist ja jetzt Kanzlerkandidat der SPD. Kennen Sie ihn eigentlich persönlich?
2006, als Finanzminister der grossen Koalition, war er Gast an meinem Diner républicain in Ascona. 2009, als er der Schweiz mit der Kavallerie drohte, bat ich ihn in die Sendung «Vis-à-vis», später in meine Matinée im Berliner Ensemble, der berühmten Bühne von Bertolt Brecht. Auch bei mir zu Hause war er schon zu Gast.

Und? Was halten Sie von ihm?
Peer Steinbrück ist eine der brillantesten politischen Persönlichkeiten Deutschlands.

Was macht ihn so brillant?
Zunächst einmal ist Steinbrück sehr gebildet. Er ist ein grosser Leser – nicht nur von Sachbüchern, sondern auch von Geschichte und Belletristik. Literatur verschlingt er. Allein das unterscheidet ihn schon von vielen Politikern. Dann ist er ein grosser Rhetoriker mit ebenso grossem Talent zum Witz. Allerdings zu einem scharfen, manchmal schnodderigen, hamburgischen Witz, der sich – leider, leider – mit dem eher gemütlichen Deutschschweizer Sinn für Humor nicht so recht verträgt.

Sie sprechen auf die «Kavallerie» an?
Jetzt, als Kanzlerkandidat, hat Steinbrück die Drohung noch zugespitzt, indem er anregte, schon mal die Pferde zu satteln. Er meint es ernst mit seinem Ritt gegen das Steuerabkommen Deutschland–Schweiz.

Das muss er auch als Spitzenkandidat der Opposition. Schliesslich ist die Regierung Merkel ja für das Steuerabkommen. Ein Abkommen, das den Deutschen übrigens viel mehr bringen wird, als Steinbrück behauptet.
Die Frage ist nur: welchen Deutschen? Vor allem doch wohl den Steuerbetrügern. Die übrigen Deutschen, die ihre Steuern ordentlich bezahlen, haben das Nachsehen. Die Regierung Merkel muss natürlich für das Steuerabkommen sein: Steuerbetrüger, die Milliarden Schwarzgeld in die Schweiz schafften, dürften nur im seltensten Fall das Parteibuch der SPD besitzen.

Lieber Frank A. Meyer, seit Jahrzehnten plädieren Sie für politische Kultur, gegen den Populismus – Steinbrücks Stil kann Ihnen doch nicht wirklich behagen?
Das Echo auf meine Fernsehsendung mit ihm war eine Welle der Sympathie unter den Schweizer Zuschauern, was mich völlig verblüffte. Steinbrücks populistische Pointe mit der Kavallerie löste eine Debatte aus. Er fordert von der Schweiz ja bis heute nicht mehr als die Amerikaner, die Europäische Union oder die OECD.

Es ist das gute Recht der Schweiz, ihre Interessen zu wahren.
Wobei strittig ist, ob die Interessen einiger weniger Banken identisch sind mit den Interessen der Schweiz. Ich glaube es nicht. Ich glaube sogar das Gegenteil. Die Banker haben den Ruf der Schweiz schwer beschädigt.

Nehmen wir an, er wäre heute in einem Jahr Bundeskanzler. Was würde dies für unser Land bedeuten?
Gute Beziehungen auf einer ehrlichen Grundlage. Peer Steinbrück verkörpert die Globalisierung der Politik: Er ist wirtschaftsnah, steht der globalisierten Finanzwirtschaft aber gleichzeitig sehr kritisch gegenüber. Deshalb fordert er strenge Regeln für die Banken. Und gleich lange Spiesse für alle. Also ein internationales Regelwerk. So gesehen ist Steinbrück ein moderner Europäer.

Und? Wird er Kanzler?
Denkbar ist es. Vielleicht in einer Koalition mit den Grünen und der Wirtschaftspartei FDP. Die Schweiz wird sich aber auch ohne einen Kanzler Steinbrück nicht mehr lange um die europäische Wirklichkeit herumdrücken können.

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