Auf einen Espresso Über den Terror des Jetzt – und die Entschleunigung

Frank A. Meyer und Marc Walder - Fragen und Meinungen zu den Themen der Woche.
MARC WALDER, 45, ist CEO Ringier Schweiz und Deutschland FRANK A. MEYER, 67, arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Er lebt in Berlin.
© Thomas Buchwalder MARC WALDER, 45, ist CEO Ringier Schweiz und Deutschland FRANK A. MEYER, 67, arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Er lebt in Berlin.

Sagen Sie mal, Frank A. Meyer, was haben Sie sich eigentlich fürs neue Jahr vorgenommen?
Die Zeit anzuhalten.

Das könnte schwierig werden. Was genau meinen Sie damit?
1999 lancierte mein leider viel zu früh verstorbener Freund Peter Glotz, Professor für Medien und Gesellschaft an der Universität St. Gallen, den Begriff der «beschleunigten Gesellschaft». Ich hielt ihm damals entgegen: «Wir brauchen nicht Beschleunigung, sondern Entschleunigung der Gesellschaft.» Das meine ich noch immer. Und das meine ich auch mit dem Anhalten der Zeit: Entschleunigung.

Was hat Sie auf diesen Gedanken gebracht?
Die Technologie des Internets versetzt uns buchstäblich in Raserei. Die Lichtgeschwindigkeit ist zur Masseinheit unserer Reaktionen geworden. Alles, was wir tun, alles, was geschieht, kann übers Netz quasi zeitgleich der ganzen Welt vermittelt werden. Alles ist jetzt, nichts mehr ist gestern oder vorgestern oder morgen oder übermorgen.

Was Sie da beschreiben, bietet doch enorme Vorteile. Warum sind Sie so skeptisch?
Die Krise, die wir erleben, ist eine Folge dieser Raserei. Die Finanzwirtschaft hat die Fesseln von Zeit und Ort gesprengt. Sie betreibt ihr Geschäft losgelöst von allen Dimensionen und reagiert nur noch auf Impulse. Jede Nachricht löst spekulative Zuckungen aus. Man kann die Finanzhändler vergleichen mit Quallen, die sich in Schwärmen bewegen, nur auf Reize reagierend, aber blitzschnell. Übrigens ein Bild des jungen deutschen Philosophen Richard David Precht.

Internet, mobile, internetfähige Smartphones beschleunigen unsere Welt enorm, da haben Sie zweifellos recht. Aber warum beschreiben Sie dies so sehr als Gefahr?
Weil wir nicht für diesen Geschwindigkeitsrausch gemacht sind. Der Mensch Marc Walder, lieber Marc Walder, bewegt sich im Normalfall mit vier Kilometern pro Stunde vorwärts; er benötigt Zeit zum Voraus-Denken; er benötigt Zeit zum Nach-Denken. Aber die hat er nicht. Der Netzterror vergewaltigt die menschliche Natur. Nicht nur individuell, sondern auch gesellschaftlich. Eine Zivilisation kann sich nicht dem vom Internet diktierten Tempo unterordnen, ohne Crashs zu produzieren. Wir leben im permanenten Ausnahmezustand. Carl Schmitt, in den Dreissigerjahren Kronjurist der Nazis, dozierte: «Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet.» Ausnahmezustand bedeutete damals Adolf Hitler. Und auch heute bedeutet er in keinem Fall Demokratie oder Volkswillen. Wie wir jetzt gerade wieder am Beispiel der Finanzwirtschaft erfahren müssen.

Wie stellen Sie sich eine Entschleunigung der Gesellschaft vor?
Entschleunigung ergibt sich durch Re-Demokratisierung. Wenn die Menschen über das Schicksal ihrer Gesellschaft bestimmen, verlangsamt sich der Entscheidungsprozess – denn es muss nachgedacht, es muss diskutiert, es muss gestritten werden; es müssen Kompromisse ausgehandelt, es muss Überzeugungsarbeit geleistet werden. Erst dann kann man Entscheide treffen. Und vielleicht wird sogar erneut kritisiert, debattiert, korrigiert, verbessert. So verläuft der kreative Prozess, übrigens nicht nur in der Politik, sondern überall, wo Werte geschaffen werden, von der Industrie über die Wissenschaft und die Forschung bis hin zur Kunst.

Und wie entschleunigen Sie ganz persönlich?
Indem ich lese, vorzugsweise Romane – vor allem Klassiker, die gestern oder vorgestern spielen und gerade dadurch die Verirrungen unserer Jetzt-Zeit beleuchten. Aber natürlich entschleunige ich auch durch Gespräche mit Menschen, denen ich Zeit abtrotze, indem ich sie zu einem Spaziergang oder gar zu einer Wanderung verführe, sie also aus ihrem vertakteten Zeitablauf herauslocke, und einfach mit ihnen über das Leben rede. Über Liebe und Zärtlichkeit, über Gerechtigkeit und Solidarität, über Themen, die in keine Geschäftsordnung passen – und dies am liebsten stundenlang.

...............................................................................................................................................

Ihre Meinung interessiert uns! Diskutieren Sie mit - im unten zur Verfügung gestellten Kommentarfeld. 

Auch interessant