Auf einen Espresso Über die Angst beim Lösen des Trambilletts

Frank A. Meyer und Marc Walder - Fragen und Meinungen zu den Themen der Woche.
Marc Walder, 47, ist CEO der Ringier AG. Frank A. Meyer, 68, arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Er lebt in Berlin.
© Thomas Buchwalder Marc Walder, 47, ist CEO der Ringier AG. Frank A. Meyer, 68, arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Er lebt in Berlin.

Sagen Sie mal, Frank A. Meyer, fahren Sie eigentlich ab und zu mit dem Tram, dem Bus oder der Bahn? In Zürich oder Berlin oder wo auch immer Sie gerade sind?
Selten. Ich habe Schwellenangst.

Angst? Wovor denn?
Ich muss ein Billett lösen.

Und?
Das ist ein zeitraubender Vorgang. Die Automaten mit ihren Knöpfen, Tasten und Displays, mit technisch formulierten Bedienungsanleitungen, mit Karten und Tarifen erfordern besondere Aufmerksamkeit.

Für einen Intellektuellen wie Sie sollte das doch kein Problem sein.
Es geht hier wohl zuallerletzt um Intellekt. Es geht um Technik, verwirrende, aber im Prinzip banale Technik. In den zwanzig, dreissig Sekunden, in denen ich ein Billett lösen will, stehen mir diese schlichten Fähigkeiten nicht zur Verfügung, ich will sie auch gar nicht zur Verfügung haben. Ein Billett zu lösen, muss die einfachste Sache der Welt sein. Sonst haben die Programmierer ihre Aufgabe verfehlt.

In der Tat ist es nicht immer einfach, die Automaten korrekt zu bedienen …
… besser gesagt: sie zu entschlüsseln.

Besonders schwierig ist es für Menschen, die anderes im Kopf haben und sie nicht täglich benutzen. Aber warum ist das so?
Programmierer programmieren für Programmierer. Ich halte sie allmählich für eine unterentwickelte Spezies. Denn obwohl es ihre wichtigste Aufgabe sein sollte, ist es ihnen bis heute nicht gelungen, elektronische und digitale Kommunikation in eine Sprache zu übersetzen, die einen spontanen und schnellen Zugriff ermöglicht – ohne Trainingsaufwand. Das gilt sogar für Laptops, die so oder ähnlich immerhin schon seit dreissig Jahren auf dem Markt sind.

Erzählen Sie!
Ich stelle fest, dass sogar Helpdesk-Spezialisten, wie sie heute jede grössere Firma zur Unterstützung ihrer Mitarbeitenden braucht, sich mit deren Programmierung äusserst schwertun.

Das stimmt. Allerdings ist ein Laptop oder ein Smartphone eben mittlerweile ein hochkomplexes Gerät.
Geschenkt, lieber Marc Walder! Der Ehrgeiz der Geräteanbieter müsste es sein, dass ihre Programme zu lesen sind wie unsere Sprache, also zugänglich für jeden Konsumenten. Dies aber hat in der ganzen weltumspannenden Computerindustrie bisher niemand geleistet.

Wofür spricht das Ihrer Meinung nach?
Es ist Ausdruck unserer zunehmend menschenunfreundlichen Menschenumwelt. Einst genossen wir am Billettschalter das Lächeln einer Dame oder den freundlichen Blick des Schalterbeamten. Beides immerhin kurze menschliche Begegnungen.

Und jetzt?
Jetzt sind die Gesichter weg. Die glatten jungen und die faltigen alten. Auch die Augen sind weg, in die wir schauten, und damit sind die Gedanken weg, die wir uns vielleicht einige Sekunden lang über einen Menschen machten, der uns das Billett verkaufte.

Es ist nur eine Frage des Aufwands, den das Unternehmen betreiben möchte. Automaten können viel und sparen Geld.
Das bezweifle ich doch sehr. Früher gab es beispielsweise den Trambilletteur hinter seinem Pültchen. Er übersah den ganzen Wagen und schuf Sicherheit allein durch seine Präsenz. Heute herrscht Unsicherheit, auch Unsauberkeit. Tram und Bahn benötigen deshalb Sicherheitspersonal in finsteren Uniformen, teilweise bewaffnet und bedrohlich, oft auf inakzeptable Weise autoritär.

Ihr Fazit?
Automaten sind teurer als die Menschen, die uns teuer waren, wie wir jetzt, wo sie uns fehlen, feststellen müssen. Die Menschenwelt wird menschenleer.

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