Auf einen Espresso Über die Angst der Männer vor der Frauenquote

FRANK A. MEYER UND MARC WALDER - FRAGEN UND MEINUNGEN ZU DEN THEMEN DER WOCHE.
Frank A. Meyer und Marc Walder
© Thomas Buchwalder

Marc Walder, 48, ist CEO der Ringier AG, Frank A. Meyer, 70, arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Er lebt in Berlin.

Sagen Sie mal, Frank A. Meyer, wenn künftig im Verwaltungsrat von börsenkotierten Unternehmen mindestens eine Frau sitzt, wie es der Wirtschaftsverband Economiesuisse fordert, würde Ihnen diese Quote genügen?
Fragen wir uns doch zunächst einmal, was die gequälte Bereitschaft zu einer solchen Minimalquote eigentlich besagt.

Gerne.
Sie suggeriert, dass es in der Schweiz unzählige Männer gibt, ja geradezu eine Überfülle Männer gibt, die sich als Verwaltungsräte aufdrängen, qualifizierte Frauen dagegen allerhöchstens eine pro Verwaltungsrat. Dahinter steckt doch die Vorstellung, der wirtschaftliche Weinberg des Herrn ist ein Weinberg der Herren - mit einigen wenigen Mauerblümchen, die es mühselig zu entdecken gilt.

Kurz gesagt: Sie finden diese Miniquote inakzeptabel.
Nein, lieber Marc Walder, ich finde die Maxiquote inakzeptabel! Die Quote der Männer, die in der Wirtschaft seit Generationen und Generationen und Generationen praktisch zu hundert Prozent die Macht ausüben. Ich bin für die Abschaffung dieser Männerquote!

Braucht es für die Abschaffung der Männerquote, wie Sie es nennen, nicht ein Instrument wie die Frauenquote?
Natürlich braucht es sie! Es wäre absolut illusionär, zu hoffen, dass die Männer ihr Monopol an der Spitze der Wirtschaft freiwillig aufgeben.

Ich kenne viele gescheite Frauen, die trotzdem gegen eine Quote sind.
Es gibt Musliminnen, die erklären, freiwillig den Schleier zu tragen; es gab auch Frauen, die gegen das Frauenstimmrecht waren; und es gab sogar Sklaven, die sich gegen die Abschaffung der Sklaverei wehrten. Mit der Lust von Unterdrückten an ihrer Unterdrückung ist stets zu rechnen. Die Quote gibt den Frauen ein Recht, das ihnen zusteht. Alles unterhalb dieser Schwelle ist paternalistische Frauenförderung, die reinste Herablassung: Die Männer lassen ihre Gnade walten und berufen Frauen in Verwaltungsräte oder Konzernleitungen, weil es sich gut macht - PR für die Firma.

Die vielleicht meistgestellte Frage in diesem Zusammenhang lautet: Gibt es überhaupt genügend Frauen, die es können – und auch wollen?
Auch in diesem Satz steckt Anmassung: dass die Männer es auf jeden Fall können - ein groteskes Gerücht, das aus unerklärlichen Gründen weitherum geglaubt wird. Gerade in den Verwaltungsräten der Schweiz sitzen Krethi und Plethi. Der eine holt den anderen, der andere holt den einen. So läuft das. Da geht es doch überhaupt nicht nach Qualifikation.

Sondern?
Da geht es nach dem Männer-Netzwerk. Solche Netzwerke haben Frauen nicht. Noch nicht. Es entspricht vielleicht auch nicht ihrem Naturell. Das Schönste an der Frauenquote wäre, dass sie Mitglieder in die Verwaltungsräte bringt, die anders funktionieren.

Nämlich wie?
Zum Beispiel kämen Frauen an die Unternehmensspitze, die Erfahrung in der Erziehung von Kindern mitbringen in diese oft so kindische Wirtschaftswelt. Eine Frau, die zwei Kinder samt Gatten erzogen hat, verfügt über eine Führungserfahrung, die man in keiner Managementausbildung erwerben kann.

Warum gehen Sie dermassen hart mit den Männern ins Gericht?
Ich bin auch nur ein Mann. Aber ich habe mir zu meinem Mannsein ein paar Gedanken gemacht. Unter anderem den, dass Männer im Gegensatz zu Frauen nicht erwachsen werden. Warum werden Frauen erwachsen? Weil sie die Schöpfungskraft des Gebärens besitzen. Darauf sind wir letztlich neidisch.

Und?
Aus unserem Gebärneid schöpfen wir grosse Kraft: Wir managen Unternehmen, wir forschen, wir inszenieren uns als Künstler, wir bewegen die Gesellschaft, wir erobern die Welt. Es ist der Ersatz für unseren schöpferischen Mangel, mit dem wir ja irgendwie leben müssen. Und in diese unsere Welt dringen jetzt die Frauen! Mit ihrem Erwachsensein! Für uns Männer ist das ziemlich dramatisch!

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