Auf einen Espresso Über die Deutschen und ihr Bild von der Schweiz

Frank A. Meyer und Marc Walder - Fragen und Meinungen zu den Themen der Woche.
Frank A. Meyer, 67, (l.) arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Marc Walder, 45, ist CEO Ringier Schweiz und Deutschland.
© Thomas Buchwalder Frank A. Meyer, 67, (l.) arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Marc Walder, 45, ist CEO Ringier Schweiz und Deutschland.

Sagen Sie mal, Frank A. Meyer, haben Sie neulich den Schweizer «Tatort» gesehen?
Ja, auf ARD, von Anfang bis Ende. Ich konnte fast nicht still sitzen auf meiner TV-Couch.

Weil es so spannend war?
Nein, weil es so peinlich war.

Was genau fanden Sie denn so peinlich?
Die Schauspieler sprachen dieses ungelenke Deutsch mit Schweizer Färbung, das die Deutschen gemeinhin als «Schwiiiizerdütsch» bezeichnen. Wobei Stefan Gubser, der Kommissar, dieses Gewürge zwischen Schweizerdeutsch und Hochdeutsch auch noch überzeichnete. Es war nicht zum Hinhören.

Falls Sie das nicht wussten: Die Schauspieler mussten so unbeholfen reden. Das war eine Vorgabe der ARD ...
Damit war es auch eine Vergewaltigung Gubsers, denn er beherrscht, wie alle guten Schauspieler aus der Schweiz, perfektes Hochdeutsch. Aber die Deutschen mögen uns Schweizer nun mal putzig und unbeholfen.

Sie leben in Berlin. Will man Sie dort oben auch putzig und unbeholfen haben?
Immer wieder werde ich strahlend mit dem Ausruf begrüsst: «Ach, ein Schwiiiizer!»

Und? Wie reagieren Sie dann?
Ätzend – zum Erstaunen solcher «Schwiiiiz»-Fans. Ich erwidere: «Erstens bin ich kein Schwiiiizer, das ist nämlich ein Kanton, den ich nicht mag, weil er Steuerdumping betreibt. Zweitens: Ich bin Schweizer. Und das ist etwas ganz anderes, als Sie im Kopf haben.»

Sie behaupten: Die Deutschen haben eine falsche Vorstellung von der Schweiz und den Schweizern.
Die Schweiz ist ihr Sehnsuchts-Land: klein und fein, eigentlich eine Art niedliche Modelleisenbahn-Anlage, wo der See glitzert, auf dem natürlich ein Raddampfer fährt, über den eine Gondelbahn hinwegschwebt, umgeben von Bergen, durch deren Tunnel munter pfeifende Bähnli dampfen. Darum spielte ja der «Tatort» auch in Luzern. Eine künstlichere Kulisse als dieses Städtchen gibt es kaum. Alle Wunschvorstellungen der Deutschen von der Schweiz sollten in diesem harmlosen TV-Krimi erfüllt werden. Es störte nur die erotische US-Schauspielerin Sofia Milos, die herumstand wie nicht abgeholt. Ich atmete auf, als Gubser sie endlich in sein Bett bugsiert hatte.

Kann man den «Ach, Sie sind Schwiiiizer?»-Deutschen irgendwie helfen, ihre Vorurteile geradezurücken?
Ich erkläre ihnen, dass ihr Bild von der Schweiz, das sie auf ihrem Ameisen-Weg durch unser Land wahrnehmen – von Basel oder Zürich nach Luzern, durch den Gotthard und raus ins Tessin – auf einer absurd verengten Sicht beruht.

Vielleicht ist es ja gut, dass die Deutschen uns so putzig sehen?
Da treffen Sie einen ganz wichtigen Punkt, auf den ich meine deutschen Schweiz-Verkleinerer auch immer gern aufmerksam mache.

Nämlich?
Sie sehen uns zum Einpacken herzig – und wir ziehen sie über den Tisch, zum Beispiel jetzt gerade beim Schwarzgeldabkommen. Die grossen Deutschen sind dem kleinen Nachbarn nicht gewachsen. Sie finden uns nett, darum sind sie so nett zu uns; wir allerdings sind zu ihnen überhaupt nicht nett.

Wir spielen also bewusst mit dem verklärten Bild, das die Deutschen von uns haben?
Wir sind seit mehr als sieben Jahrhunderten darin geübt, uns die deutschsprachigen Nachbarn vom Leib zu halten – und gleichzeitig von ihnen zu profitieren. Daran ist nichts Schlechtes. Denn es war lange Zeit eine Überlebensstrategie. Aber wehe, wenn die Deutschen uns plötzlich ernst nähmen!

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