Auf einen Espresso Über die Elite, den Sockel und Johann Schneider-Ammann

Frank A. Meyer und Marc Walder - Fragen und Meinungen zu den Themen der Woche.
Frank A. Meyer, 67, (l.) arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Marc Walder, 45, ist CEO Ringier Schweiz und Deutschland.
© Thomas Buchwalder Frank A. Meyer, 67, (l.) arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Marc Walder, 45, ist CEO Ringier Schweiz und Deutschland.

Sagen Sie mal, Frank A. Meyer, unser neuer Bildungsminister, Bundesrat Johann Schneider-Ammann, will die Aufwertung der Lehre gegenüber der Matura. Sind Sie mit seiner Forderung einverstanden?
Selbstverständlich.

Warum?
Erstens erarbeiten die Menschen, die einen Beruf erlernt haben, die wirtschaftliche Substanz der Schweiz – die wirklichen Werte, den realen Reichtum. Und zweitens bin ich selber Handwerker.

Sie sind Handwerker?
Ja, ich habe Schriftsetzer gelernt. In den Zeiten, als man bei Zeitungen noch mit Blei hantierte. Das ist auch der Grund, warum ich das Schreiben und den Journalistenberuf als Handwerk betreibe. Auch das Denken ist für mich Handwerk.

Denken als Handwerk – was meinen Sie damit?
Ich meine damit, dass das Denken durch Formulieren begreifbar gemacht werden muss. Lassen wir einfach mal die Vorsilbe «be-» weg. Dann heisst es, dass Denken durch Formulieren greifbar werden muss – greifbar wie einst meine Satzzeilen aus gegossenem Blei, greifbar wie das Möbelstück eines Tischlers, greifbar wie das Teilchen
eines Uhrwerks.

Bundesrat Schneider-Ammann hat folgenden Satz gesagt: «Jede Gesellschaft ist eine Art Pyramide mit den Intellektuellsten und Bildungsfähigsten an der Spitze und einem breiten Sockel an Menschen mit vorwiegend handwerklichen Stärken.» Was halten Sie davon?
Das ist der arrogante Satz eines Studierten.

Erklären Sie!
Oben an der Spitze von Ammanns Pyramide sitzen die Akademiker, unten die Handwerker. Die Akademiker bilden in diesem paternalistischen Weltbild die Elite, der Rest den Sockel. Überheblicher geht es kaum. Schneider-Ammann führt damit die Aufwertung der Berufslehre gleich wieder ad absurdum. Denn das ist ja das Problem: Alle wollen ihre Kinder an die Universität schicken, weil sie zu Schneider-Ammanns Elite gehören sollen. Keiner der Sprösslinge darf zum «Sockel» zählen.

Wenn Sie von der sogenannten Elite reden, höre ich den Spott heraus.
Was ist «Elite»? Knaben und Mädchen, die mit viel Geld und Privatlehrern durch die Maturaprüfung geschleust werden? Schnösel, die mit einem BWL-Abschluss aus St. Gallen in die nächste Unternehmensberatung marschieren? Solche Leute sollen Unternehmen führen? Die Spitze der Wirtschaft bilden?

Aber wieso denn nicht?
Weil die wahre Elite Bürger sind, die sich für diese Gesellschaft engagieren, woher auch immer sie kommen, wo auch immer sie tätig sind: in der Fabrik, im Büro, in Schneider-Ammanns Sockel oder in akademischen Berufen. Der Begriff Elite lässt sich für mich überhaupt nicht auf den Studienabschluss beziehen. Es geht nämlich nicht um Status, sondern um Bürgerbildung: um Verpflichtung, um Verantwortung gegenüber der Gesellschaft.

Immerhin gestehen Sie auch Akademikern Bildung zu.
Aber natürlich. Auch Akademiker können gebildet sein. Aber das hängt nicht davon ab, welchen akademischen Grad sie erreicht haben. Denn Bildung ist nicht einfach nur Wissen, Bildung ist das Gestalten und Vernetzen von Wissen. Sich die Bildung selber zu erarbeiten, leidenschaftlicher Autodidakt zu sein, ist die beste Voraussetzung dafür. Diese Leidenschaft ist bei Nicht-Studierten in der Regel stärker ausgeprägt. Sie werden nämlich nie durch einen MBA von Harvard, von der HSG oder von der London School of Economics zertifiziert – also vom Druck erlöst, sich zu bilden. Autodidakten bleiben unerlöst, bilden sich ein Leben lang weiter. Der grosse Intellektuelle Peter Glotz sagte einst zu mir: «Auch Studenten bilden sich nur, wenn sie arbeiten wie Autodidakten.» Johann Schneider-Ammann, den ich persönlich sehr mag, muss sich, was sein Verständnis von Bildung betrifft, dringend weiterbilden.

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