Auf einen Espresso Über die Familie als Firma und das Kind als Produkt

Frank A. Meyer und Marc Walder - Fragen und Meinungen zu den Themen der Woche.
FRANK A. MEYER, 67, (l.) arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Er lebt in Berlin. MARC WALDER, 46, ist CEO Ringier Schweiz und Deutschland.
© Thomas Buchwalder FRANK A. MEYER, 67, (l.) arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Er lebt in Berlin. MARC WALDER, 46, ist CEO Ringier Schweiz und Deutschland.

Sagen Sie mal, Frank A. Meyer, wie war eigentlich Ihre Kindheit?
Da antworte ich doch sehr gern: Ich durfte Kind sein, ich durfte Jugendlicher sein, ich durfte junger Heranwachsender sein. Ich musste zwar lernen, im Übrigen aber war ich ein freier Mensch.

Ich höre in Ihrer Antwort einen gewissen Unterton. Ist es denn für die heutige Jugend anders?
Kinder und Jugendliche stehen heute gewaltig unter Stress. Sie sind von der Konsumgesellschaft voll erfasst, von einer Gesellschaft, in der Waren den Status bestimmen: die geilsten Sneakers, das neuste Handy, die angesagtesten Jeans, die richtige Playstation, bei den Mädchen dazu noch das richtige Täschchen … Die Marken sind der Ausweis, mit dem sich Heranwachsende gegenüber ihrer Umgebung definieren. Marken machen Menschen.

Ich verstehe Ihren Punkt. Aber ist das so schlimm?
Ich rede nicht von Verwerflichkeit. Ich rede von täglicher Mühsal, von Anstrengung, von Stress, ich rede vom Konsumstress. Ständig muss man als Bub oder Mädchen den Markt nach den coolsten Produkten durchkämmen, weil man sonst nicht dazugehört. Wer nicht hat, was in ist, ist arm oder out. Junge Menschen wollen dabei sein. Nichts ist für sie schlimmer, als sozial abgehängt zu werden. Oder Aussenseiter zu sein.

War das denn früher wirklich anders?
Ja, es war anders, weil der Konsum damals noch nicht seine volle Verführungskraft entfaltet hatte. Heute ist der Konsum für die Jugend verpflichtende Religion – Konsumismus: eine inhaltsleere Ideologie, die Glaubenslehre der durchökonomisierten Gesellschaft. Die Jungen sind zu Werbeflächen der Konsumprodukte geworden.

Was können die Eltern dieser Jugendlichen dagegen tun?
Der Macht des Marketings sind sie kaum gewachsen. Im Gegenteil, sie unterwerfen sich selbst, man sieht es ihnen sogar an: Die Mütter sind gestylt wie die Töchter, die Väter wie die Söhne.

Ist es nicht eher umgekehrt, Frank A. Meyer?
Konsumopfer sind sie allesamt. Immer öfter äffen die Eltern ihre Kinder nach. Denn die Kids schleppen die neusten Marken an. Aber immer öfter sind Kinder auch Projektionsfläche für das Status-Streben ihrer Eltern.

Jetzt übertreiben Sie aber endgültig …
… ich mache nur deutlich, was viele wissen – und alle spüren: Für postmoderne Eltern, die ganz und gar im Konsumismus aufgehen, sind die Kleinen so etwas wie Karriere-Projekte. Bereits im Kindergartenalter überlegen sie, was aus ihren Sprösslingen einmal werden könnte.

Das überlegen doch alle Eltern!
Viele dieser Eltern konkurrieren aber auf dem Umweg über die wehrlosen Kinder mit anderen Eltern: um den Platz im exklusivsten internationalen Kindergarten, um die prestigeträchtigste Privatschule, die elitärste Universität. Die Kinder sind heute Familien-Produkte, die es zu optimieren gilt – Erzeugnisse einer Wir-AG, die man früher Familie genannt hat. Ihr Ziel ist es, aus dem Kind eine Ich-AG zu machen, spätestens nach der Pubertät. Kinder sind nicht mehr Kinder. Sie sind zentraler Teil einer Zukunftsstrategie ihres Elternhauses. Und sie haben sich in dieses Schicksal zu fügen.

Wie kommen Sie denn darauf?
Ich höre, sehe und erlebe es täglich: Wer aufgrund mangelnder Mittel nicht mitkommt, wird als «Loser» abgeschrieben. Wer sich dem Konsumterror bewusst verweigert, gilt als Dissident. Es ist kein Spass, heute Kind zu sein. Dabei muss Kindsein Spass machen, weil sonst auch das Erwachsenenleben keine Freude wird. Was geschieht eigentlich mit den Marken-Marionetten, wenn sie merken, was ihnen fehlt? Zum Beispiel Persönlichkeit, zum Beispiel Erfüllung, zum Beispiel Glück?

 

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