Auf einen Espresso Über die Freiheit des Marktes und die Würde des Menschen

Frank A. Meyer und Marc Walder - Fragen und Meinungen zu den Themen der Woche.
FRANK A. MEYER, 67, (l.) arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Er lebt in Berlin. MARC WALDER, 46, ist CEO Ringier Schweiz und Deutschland.
© Thomas Buchwalder FRANK A. MEYER, 67, (l.) arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Er lebt in Berlin. MARC WALDER, 46, ist CEO Ringier Schweiz und Deutschland.

Sagen Sie mal, Frank A. Meyer, der neue Arbeitgeberpräsident meinte im «Blick», wenn ein Lohn nicht ausreiche, könne ja noch die Frau arbeiten gehen oder das Sozialamt einspringen. Das sei besser als Mindestlöhne. Was halten Sie von diesen Aussagen?
Gar nichts. Ökonomisch nichts. Moralisch nichts.

Das Ökonomische zuerst: Ist nicht der Partner – und in letzter Instanz eben das Sozialamt – genau für solche Härtefälle da?
Ein Mensch, der zur Sicherung seiner Existenz ordentlich arbeitet, fleissig arbeitet, hat Anrecht auf einen existenzsichernden Lohn. Ein Unternehmen, das keine existenzsichernden Löhne zahlen kann, hat keine Existenzberechtigung. Es ist nicht einzusehen, warum Lebenspartner von Arbeitnehmern den Arbeitgebern zu Hilfe eilen sollen, damit diese es mit Dumping-Löhnen in die Gewinnzone schaffen. Noch weniger ist einzusehen, warum der Staat unfähige Unternehmer auf dem Umweg über das Sozialamt subventionieren soll.

Der freie Markt spielt. Für Unternehmen. Und für Arbeitnehmer. Also richten sich auch die Löhne nach Angebot und Nachfrage.
Damit wären wir bei der Moral: Der Markt ist zwar eminent wichtig, aber er ist keine Entschuldigung für Löhne, die Menschen ins Elend stürzen. Der Markt ist ein Mechanismus, dem Grenzen zu setzen sind, sobald er die Menschenwürde tangiert. Löhne, die eine bescheidene Existenz, auch mit Familie, nicht ermöglichen, verletzen die Würde des arbeitenden Menschen.

Das tönt jetzt aber ziemlich radikal!
Radikal sein heisst: die Probleme an der Wurzel packen. Lassen Sie uns also radikal sein! Der Arbeitnehmer verkauft seine Arbeit – man kann auch sagen: Er gibt Arbeit – und der Unternehmer nimmt diese Arbeit. Normalerweise verwenden wir diese Begriffe völlig verkehrt: Im Grunde ist der Arbeitnehmer ja der Arbeitgeber und vice versa … Aber lassen wir das. Der Unternehmer hat die Lohnkosten existenzsichernd zu bedienen, wie er ja auch die Zinskosten der Kredite mit grösster Selbstverständlichkeit bedient, die ihm die Banken für seine Firma gewähren. Schickt er die Banken zum Sozialamt?

Jetzt vereinfachen Sie radikal! Nochmals: Die Debatte drehte sich um die Frage der Mindestlöhne.
Mindestlöhne gibt es überall in Europa. Die Wirtschaft braucht Mindestlöhne, denn die Wirtschaft braucht Menschen, die konsumieren können. Wer seine Familie ernährt – ob Mann oder Frau –, wer seine Kinder erzieht, wer ihnen Ferien gönnt, ihnen eine neue Jeans kauft oder ein Fahrrad oder ein Surfbrett, wer sich alle paar Jahre einen neuen Wagen anschafft, zumindest einen Gebrauchtwagen, wer einen neuen Plasmafernseher installiert, wer sich die ganz normale Grundversorgung unserer kapitalistischen Gesellschaft leistet, der trägt zur Binnenkonjunktur bei, der trägt zum Wachstum bei, der trägt zu einer florierenden Wirtschaft bei. So einfach ist das.

Sie sehen das schon sehr makroökonomisch …
… ich sehe das sehr konkret: Ein Unternehmen, das Wert auf gute Produkte oder gute Dienstleistungen legt, braucht qualifizierte und fleissige Arbeitnehmer. Kann die Existenz dieser Arbeitnehmer nicht gesichert werden, ist auch die Existenz des Unternehmens nicht mehr zu rechtfertigen.

Sie argumentieren ökonomisch, meinen es aber moralisch.
Ökonomie und Moral lassen sich nicht voneinander trennen. Zwar wollen das die Marktradikalen – zu denen man den Präsidenten des Schweizerischen Arbeitgeberverbandes zählen muss – noch immer nicht einsehen. Doch ihre heile Welt des Marktes ist eine heillose Welt. Wir haben das mit der völlig entfesselten Finanzwirtschaft gerade erlebt. Übrigens, lieber Marc Walder, forderten dieser Tage mehr als neunzig deutsche Ökonomen die Abkehr von einem sozial und gesellschaftlich verantwortungslosen Ökonomismus. Wer die Vorherrschaft des Marktes auf dem Buckel von Ehepartnern und Sozialämtern durchsetzen will, handelt verantwortungslos.

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