Auf einen Espresso Über die Freuden des Wartens

Frank A. Meyer und Marc Walder - Fragen und Meinungen zu den Themen der Woche.
FRANK A. MEYER, 67, (l.) arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Er lebt in Berlin. MARC WALDER, 46, ist CEO Ringier Schweiz und Deutschland.
© Thomas Buchwalder FRANK A. MEYER, 67, (l.) arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Er lebt in Berlin. MARC WALDER, 46, ist CEO Ringier Schweiz und Deutschland.

Sagen Sie mal, Frank A. Meyer, diese vorweihnachtliche Stimmung: Geht die Ihnen auch so ans Herz?
Ja, ich geniesse vor allem die Weihnachtsbeleuchtung am Ku’damm und Unter den Linden in Berlin. Ein schönerer Strassenschmuck ist mir nie begegnet. Die Bäume recken jeden einzelnen ihrer Äste glitzernd beleuchtet in den Abendhimmel. Und auf dem Ku’damm ist der Mittelstreifen mit hausgrossen Leuchtfiguren geschmückt. Wundervoll!

Aber?
Aber es ist zu früh. Es kommt mir vor, als würden schon seit einer Woche alle vier Kerzen auf dem Adventskranz brennen. Was mir fehlt, ist das Gefühl der Vorfreude – die Geduld, auf Weihnachten zu warten. Der Sinn des Advents, ja des ganzen Weihnachtsfestes, ist doch das Warten.

Ich verstehe nicht …
… das Warten auf das Wunder – beispielsweise das Öffnen der Fensterchen im Adventskalender, eines nach dem andern. Ungeduldig reissen viele von uns sämtliche Fensterchen auf einmal auf – und bringen sich so um den Genuss des Wartens, der fröhlichen Spannung, die sich erst auf dem Höhepunkt des Festes am Heiligen Abend erfüllt: mit der Familie vor dem Weihnachtsbaum, mit den liebevoll eingepackten Geschenken unter den Ästen, mit dem Engelshaar und den Kugeln und der glänzenden Spitze des geschmückten Baums – eines heidnischen Symbols, das vom Christentum so wunderbar adaptiert worden ist.

Ich hätte nie gedacht, dass Ihnen so etwas gefällt!
Es ist der vollendete Kitsch. Aber an diesem speziellen Tag ist es eben kein Kitsch. Kitsch ist nur die wochenlange Inszenierung des Weihnachtsfestes.

Man kann es aber auch anders sehen, Frank A. Meyer: Die Schaufenster sind liebevoll dekoriert, die Weihnachtsmusik in den Läden …
… ach ja, das habe ich noch vergessen: die Weihnachtsbeschallung in den Geschäften, vor der man nicht einmal im Lift sicher ist. Überall dudelt «O du fröhliche, o du selige» und «Stille Nacht, heilige Nacht» – morgens, mittags und abends. Am Tag des Festes mag man die wundervollen Melodien und Texte nicht mehr hören.

Und warum ist das Ihrer Meinung nach so?
Weil es nicht mehr der christlichen Idee der Nächstenliebe dient – wie sie ja ursprünglich in den Geschenken zum Ausdruck kommen sollte –, sondern der Gier und dem Kaufrausch: Wir opfern das zentrale christliche Ritual dem Kommerz. Früher widmeten wir im Advent dem lieben Gott ein bisschen von unserer Zeit, entdeckten unsere Fähigkeit zur Geduld, zur kindlichen Vorfreude, vielleicht gelang es uns sogar, das Alltagstempo ein wenig zu drosseln, in den Himmel zu gucken statt in die Auslagen der Geschäfte.

Und das ist heute alles anders?
Heute würden die Heiligen Drei Könige aus dem Morgenland nicht mehr dem Stern von Bethlehem folgen, sondern dem Navigationsgerät ihrer Handys – und in einem Konsumtempel landen statt im Stall beim Christkind.

Sie sehen das etwas gar düster!
Nein, ich sehe es grell erleuchtet. Wäre Weihnachten nicht seit Jahrhunderten eine Zeit der Offenbarung, hätte die City-Vereinigung Zürcher Bahnhofstrasse dieses Fest erfunden – zusammen mit der AG City der Geschäftsleute von Ku’damm und Unter den Linden: als verkaufsfördernde Massnahme im umsatzschwachen Dezember. So ist die Adventszeit zur Ankunftszeit der Konsumentenmassen verkommen. Übrigens, lieber Marc Walder, bin ich selber ein Konsumidiot, lasse mich vom Weihnachtsrausch voll erfassen. Was ich beklage, betrifft mich selbst. Sie wohnen einem Akt der Selbstkritik bei. Und der vorweihnachtlichen Reue.

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