Auf einen Espresso Über die Gefahren des Kapitalismus und der 1:12-Initiative

Frank A. Meyer und Marc Walder - Fragen und Meinungen zu den Themen der Woche.
Frank A. Meyer, 68, arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Er lebt in Berlin. Marc Walder, 47, ist CEO der Ringier AG.
© Thomas Buchwalder Frank A. Meyer, 68, arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Er lebt in Berlin. Marc Walder, 47, ist CEO der Ringier AG.

Sagen Sie mal, Frank A. Meyer, dass Sie für den gesetzlichen Mindestlohn sind, haben Sie vergangene Woche erklärt. Sind Sie auch für die 1:12-Initiative, mit der das Höchstsalär für Manager auf das Zwölffache des tiefsten Lohnes im Unternehmen beschränkt werden soll?
Nein.

Sie überraschen mich.
Womit überrasche ich Sie?

Nach unserer Debatte über den Mindestlohn ging ich davon aus, dass Sie auch beim Höchstlohn eingreifen möchten. Schliesslich sind Sie seit Jahren die wohl hörbarste Stimme im Land gegen Lohnexzesse und überrissene Boni.
Das bin ich immer noch. Aber die Initiative 1:12 schneidert ein zu enges Korsett: Sie würde hohe, aber durchaus marktgängige Managerlöhne in der Schweiz verbieten und global operierende Unternehmen bei der Rekrutierung von höchstqualifiziertem Führungspersonal behindern. So etwas kann sich keine moderne Wirtschaft leisten, wenn sie konkurrenzfähig bleiben will. Wobei unser Land eine der modernsten Ökonomien der Welt ist, wenn nicht die modernste überhaupt.

Eine Umfrage ergab vor Kurzem, dass die 1:12-Initiative – zumindest im Moment – eine Mehrheit im Volk hätte.
Viele Bürgerinnen und Bürger haben das Kartell der Ackermänner satt. Sie wollen nicht länger hinnehmen, dass sich Topmanager, vor allem aus der Finanzwirtschaft, am angelsächsischen Boni-Paradies orientieren. Solche Abzocker braucht niemand. Sie sind ja oft nicht einmal spitze, wie sie selbst so gern von sich behaupten. Und die meisten von ihnen sind bisher auch nicht durch überzeugende Leistung aufgefallen.

Sondern?
Sondern sie haben ganz im Gegenteil die Finanzwirtschaft in die Krise manövriert und dabei fast die gesamte Weltwirtschaft mitgerissen. Ihren völlig unverdienten Reichtum haben sie allerdings mitgenommen.

Kommen wir zurück zu 1:12 …
… meine Sorge gilt der Realwirtschaft, der Markwirtschaft, dem Kapitalismus!

Frank A. Meyer macht sich Sorgen um den Kapitalismus!
Aber sicher! Der Kapitalismus muss wieder demokratieverträglich werden, denn Demokratie und Kapitalismus, Freiheit und Markt gehören nicht einfach nur zusammen, sie bedingen einander. Das heisst aber auch: Der Kapitalismus muss atmen können, wirken können, er muss seine Kreativität umsetzen können. Die Initiative 1:12 hätte eine fatal dämpfende Wirkung.

Für einen grossen Kritiker der Lohnexzesse der vergangenen Jahre, des vergangenen Jahrzehnts argumentieren Sie doch sehr liberal!
Lesen Sie meine Kolumnen der letzten dreissig Jahre im «SonntagsBlick», und Sie werden feststellen: Ich war immer ein Liberaler. Die Neoliberalen allerdings, in deren Gefolge sich die Boni-Ritter schamlos bereichert haben, halte ich nicht für Liberale, sondern letztlich für Zerstörer des Kapitalismus. Und zwar – wie wir es ja nun erleben – sehr wirksame Zerstörer. Marx hätte es nicht besser gekonnt. Trotzdem, lieber Marc Walder, bin ich nach wie vor für eine wirksame Bremse, was die Managergehälter betrifft.

Nämlich?
Heute dürfen selbst die horrenden Gehaltssummen der Unternehmensspitzen noch vom steuerbaren Gewinn einer Firma abgezogen werden. Dies könnte man beschränken: Abgezogen werden dürften Gehälter beispielsweise nur noch bis zu zwei Millionen, einer international akzeptablen Grösse. Den Rest müsste das Unternehmen versteuern.

Können Sie das an einem Beispiel erläutern?
Credit Suisse zum Beispiel vergütete im Geschäftsjahr 2012 ihren 13 Geschäftsleitungsmitgliedern 74 Millionen Franken. In Zukunft wären für die CS nur noch 26 Millionen steuerlich abziehbar. Dies könnte eine wirksame Bremse bei der Festsetzung der Managervergütungen sein – ein negativer Anreiz.

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