Auf einen Espresso Über die griechische Tragödie und ihre wahren Schuldigen

Frank A. Meyer und Marc Walder - Fragen und Meinungen zu den Themen der Woche.
Frank A. Meyer, 67, (l.) arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Marc Walder, 45, ist CEO Ringier Schweiz und Deutschland.
© Thomas Buchwalder Frank A. Meyer, 67, (l.) arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Marc Walder, 45, ist CEO Ringier Schweiz und Deutschland.

Sagen Sie mal, Frank A. Meyer, warum muss Griechenland eigentlich von der EU gerettet werden?
Weil Griechenland zur Europäischen Union gehört. Und weil die Europäische Union eine Solidargemeinschaft ist. Solidarität ist ihre Grundlage: politisch, wirtschaftlich, kulturell.

Durch seine exorbitante Verschuldung ist Griechenland doch längst ein Fass ohne Boden!
Dem Fass muss wieder der Boden eingezogen werden.

Die Bürger der EU-Länder verstehen nicht mehr, warum sie den Griechen schon wieder um die hundert Milliarden zahlen sollen.
Zunächst einmal zahlen die EU-Bürger nicht, sondern garantieren Kredite. Dabei ist allerdings klar, dass die Summen nicht komplett zurückfliessen. Es wird zu erheblichen Verlusten kommen.

Die Griechen hatten schlichtweg ihren Haushalt nicht im Griff – sie sind an dem Debakel also selber schuld.
Im Olympia der Antike wurden Sportarten erfunden, die noch heute an den Olympischen Spielen zu erleben sind. Inzwischen sind die Griechen in einer neuen Disziplin Olympiasieger – im systematischen Steuerbetrug. Ihre Reichen zahlen nahezu nichts an den Staat, sie transferieren ihr Geld lieber ins Ausland: in die Schweiz, auf die Bahamas. Die einfachen Bürger tun es ihnen nach: mit Schwarzarbeit und Schwarzgeld. Jetzt hat die Wirklichkeit sie alle eingeholt. Griechenland ist pleite. Aber das ist nur der eine Teil dieser bitteren Geschichte.

Und was ist der andere?
Den schreiben die globalisierten Banken: Ohne näheres Hinsehen und ohne sorgfältige Prüfung betrieben sie jahrzehntelang lukrative Geschäfte mit Griechenland. Ganz ähnlich wie bei den Subprime-Hypotheken in den USA. Die schwatzten sie Häuslebauern auf, deren Kreditwürdigkeit bei null lag. Die EU rettet im Augenblick nicht nur Griechenland. Sondern – wieder einmal – an ihrer Geldgier erblindete Banker und Banken!

Die sollen ja nun auch zur Kasse gebeten werden ...
... es wäre höchste Zeit, dass der Plan des deutschen Finanzministers Wolfgang Schäuble in die Tat umgesetzt wird: massive Beteiligung der Banken an der Sanierung Griechenlands. Es wäre aber auch höchste Zeit, einmal nach den Vermögen der griechischen Superreichen zu fragen.

Was meinen Sie damit?
Was tun eigentlich diese Milliardäre für ihr Land, all die Niarchos, Onassis und Konsorten? Sie gehören zu den Hauptverantwortlichen der griechischen Tragödie. Sie entzogen ihrem Staat systematisch die Mittel, die er gebraucht hätte. Es zeigt sich: Geld ist nie patriotisch!

Und nun sollen Deutschland, Frankreich, Italien und all die anderen EU-Länder bluten?
Lieber Marc Walder, Kalifornien ist auch bankrott – ein Staat mit 35 Millionen Einwohnern, der 12 Prozent des US-Bruttoinlandprodukts erarbeitet! Griechenland hat 11 Millionen und erarbeitet lediglich 2 Prozent des EU-BIP. Seine Rettung ist kein existenzielles Problem für die EU und den Euro. Was wir heute erleben, ist auch ein Krieg des Dollar-Raumes gegen den Euro-Raum. Die USA sind masslos verschuldet. Sie haben auf hohem Dollarstand auf den Finanzmärkten Geld aufgenommen, also teures Geld gepumpt.

Ja und?
Der Dollar fällt und fällt und fällt. Nun zahlen die USA den Gläubigern billiges Geld zurück. Und lenken von dieser Katastrophe ab, indem sie Griechenland zur EU-Katastrophe stilisieren. Das Dumme ist nur, dass wir und unsere Medien darauf hereinfallen. Die Europäische Union ist wirtschaftlich viel stabiler als die USA, die kaum noch weltmarktfähige Produkte erzeugen. Die grösste wirtschaftlich-industrielle Kraft der Welt liegt immer noch in Europa.

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