Auf einen Espresso Über die Kälte des Weihnachtsfestes und das Kind in uns

Frank A. Meyer und Marc Walder - Fragen und Meinungen zu den Themen der Woche.
Frank A. Meyer, 67, (l.) arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Marc Walder, 45, ist CEO Ringier Schweiz und Deutschland.
© Thomas Buchwalder Frank A. Meyer, 67, (l.) arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Marc Walder, 45, ist CEO Ringier Schweiz und Deutschland.

Sagen Sie mal, Frank A. Meyer, wie feiern Sie eigentlich Weihnachten?
Mit Lilith, ihrer jüngeren Tochter Lavinia und dem Enkel Anatol Frank vor dem Weihnachtsbaum.

In Berlin?
Im hoffentlich verschneiten Berlin. Ich kenne keine Stadt, deren Weihnachtsbeleuchtung im Schnee stimmungsvoller glänzt: auf dem Kurfürstendamm und Unter den Linden, wo die Äste der winternackten Bäume alle einzeln mit Lichterketten geschmückt sind – was einen traumhaften Blick durch das Geäst aufs Brandenburger Tor eröffnet.

Sie schwärmen ja wie ein Kind …
… ich erlebe Weihnachten ja auch wie ein Kind. Wie das Kind, das in jedem von uns steckt. In der Adventszeit darf es rausgucken aus dem Herzenstürchen. Und an Weihnachten darf es ganz raus. Mein Kinder-Ich liebt das Engelshaar, weil es das Kerzenlicht am Tannenbaum so wunderbar verzaubert.

Bleiben wir einen Augenblick bei Ihrem Kinder-Ich: Was wünscht es sich vom Christkind?
Alles, was sich auch ein Kind wünscht: Zeit mit geliebten Menschen, Geborgenheit, Wärme – und Lachen, viel Lachen.

Kein Geschenk?
Ich habe, was ich brauche, und freue mich an kleinen Geschenken – die ich mir allerdings nicht wünsche, von denen ich mich überraschen lasse.

Hat sich Weihnachten für Sie verändert, seit Sie vor sechzig Jahren ein Kind waren?
Mehr denn je ist der Advent zur Zeit eines hemmungslosen Kaufrauschs geworden – allerdings nur für diejenigen, die das Geld dazu haben. In Berlin erlebe ich zahllose arme Menschen: auf der Strasse, in der U-Bahn, vor den Schaufenstern. Das war in den Sechziger-, Siebziger- und Achtzigerjahren noch anders, erst recht in der Schweiz. Weihnachten wirft ein helles Licht auf den Zustand einer Gesellschaft. Viele Menschen fühlen sich nicht mehr aufgehoben, nicht mehr geborgen – und sind gleichzeitig konfrontiert mit einem geradezu perversen Reichtum, der sie aus den Schaufenstern von Prada, Gucci, Louis Vuitton, Bulgari, Hermès aggressiv anspringt. Wir muten diesen Menschen viel zu.

Was meinen Sie damit?
Wenn sich die Politik ganzer Bevölkerungsschichten nicht mehr annimmt, wird unsere Gesellschaft grosse Probleme bekommen – auch die schweizerische, deren Politik sich mehr und mehr auf Handlangerdienste für die Reichen und Reichsten dieser Welt konzentriert.

Aber gerade die Schweiz ist doch ein sehr soziales Land, für die Schwachen bei uns gibt es ein starkes Netz!
Solange wir reich sind, hält dieses Netz. Aber das Problem ist doch, dass sozial Schwache überhaupt in dieses Netz fallen müssen. Viel wichtiger wäre es, dass die Menschen in die Lage versetzt werden, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Sie brauchen Bildung und Arbeit. Vor allem brauchen sie Anerkennung für ihre Arbeit. Gerade in der Schweiz aber erleben wir die grenzenlose Vergötterung von Geld und Geldmacht. Reichtum wird als Wert an sich betrachtet, auch wenn dahinter keine erarbeiteten Werte stehen.

Können Sie das noch ein wenig besser ausdeutschen?
Wer immer in diesem Land mit Geld auftrumpft, wird von Behörden aller Ebenen hofiert, gefördert, verhätschelt, sogar im Regierungsgebäude empfangen, wie kürzlich eine Delegation von Bankiers im Bundeshaus. Das nehmen auch die Bürgerinnen und Bürger wahr, die an der Migros-Kasse ihr letztes Zehnernötli aus dem Portemonnaie klauben.

Und welche Schlüsse ziehen Sie daraus?
Man muss nur hinschauen, hingehen, wo diese Menschen leben – die viel zitierte Schere zwischen Arm und Reich öffnet sich nicht nur in der Statistik. Sie besteht im täglichen, ganz persönlichen Erfahren von Ungerechtigkeit. Der Kapitalismus unserer westlichen Welt ist durch die marktradikale Niedertracht brutal kalt und unfair geworden. Eine Schande!

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