Auf einen Espresso Über die Liebe und den Ladenschluss

Frank A. Meyer und Marc Walder - Fragen und Meinungen zu den Themen der Woche.
Frank A. Meyer, 67, (l.) arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Marc Walder, 45, ist CEO Ringier Schweiz und Deutschland.
© Thomas Buchwalder Frank A. Meyer, 67, (l.) arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Marc Walder, 45, ist CEO Ringier Schweiz und Deutschland.

Sagen Sie mal, Frank A. Meyer, wenn der Bundesrat die Ladenöffnungszeiten liberalisiert, könnten wir demnächst noch spät am Abend einkaufen. Wären Sie da auch dafür?
Lieber Marc Walder, Sie kitzeln offenbar gern meine konservative Seite heraus.

Wie meinen Sie das jetzt?
Ganz einfach: Ich bin komplett dagegen!

Und weshalb?
Weil ich schon immer gegen eine Gesellschaft war, die sich vollständig Konsum und Kommerz unterwirft.

Das ist jetzt sehr abstrakt. Hier geht es doch nur darum, auch am Abend oder am Wochenende einkaufen zu können.
Sie verengen das Problem auf den kleinen Quartierladen von nebenan. In Wirklichkeit geht es um die Ökonomisierung aller Lebensbereiche - und letztlich darum, welche Gesellschaft wir wollen. Im Reich des Geldes geht die Sonne nicht unter: Wall Street öffnet, wenn Tokio schliesst. Wollen wir die globalen Märkte im Kleinen und Kleinsten nachäffen? Wollen wir den Rund-um-die-Uhr-Kapitalismus bis ins kleinste Kaff?

Die Öffnungszeiten sind bei uns chaotisch geregelt. Niemand weiss mehr, welcher Laden wann, wo, wie lange offen hat…
Da reden Sie etwas herbei, was überhaupt nicht zutrifft: Die Konsumenten wissen ganz genau, wann welche Geschäfte offen sind. Gerade der Konsum funktioniert in der Schweiz prächtig. Gegen eine einheitliche Regulierung hätte ich trotzdem nichts.

Aber?
Aber ich bin gegen die vorgesehene Deregulierung.

Warum denn bloss? Längere Öffnungszeiten stärken doch klar den Standort Schweiz.
Es geht um sehr viel mehr als nur um längere Einkaufszeiten. Es geht um das menschliche Mass, von dem unsere Gesellschaft bisher doch immer noch mitbestimmt war: Die Nacht war nicht der Tag, der Sonntag war nicht der Montag. Die Lebensgewohnheiten der Menschen wurden respektiert: Mit den Hühnern ins Bett und mit den Hühnern wieder heraus - diese volkstümliche Regel entspricht dem Bedürfnis des Menschen. Wer alles nur noch unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten betrachtet, verliert dieses Mass aus den Augen.

Für viele Menschen wäre es eine Erleichterung, bis 20 Uhr oder 22 Uhr einkaufen zu können…
Oder um 24 Uhr oder um 2 Uhr morgens oder um 4 Uhr! Das Thema hatten wir doch schon letzte Woche - Party zu jeder Zeit; heute reden wir vom Konsum zu jeder Zeit. Diese Auflösung der Zeit und des menschengerechten Rhythmus bedeuten auch ein Auflösen der Gesellschaft.

Übertreiben Sie jetzt nicht?
Nein, das erleben Sie doch in Ihrem Arbeitsalltag selber: Es gibt keinen gemeinsamen Lebenstakt mehr. Es soll ihn nicht geben. Ja, es darf ihn nicht geben! Denn nur der vereinzelte Mensch eignet sich zum willfährigen Objekt wirtschaftlicher Manipulation. Zum Beispiel durch Verführung zum unablässigen Konsum. Das meine ich mit der Unterwerfung von Mensch und Gesellschaft unter das Diktat der Ökonomie.

Ich kann Sie hier wirklich nicht verstehen. Der Freisinn hat doch völlig recht, wenn er sich für diese Liberalisierung einsetzt.
Ach ja, der Freisinn! Seine neuste Propaganda-Parole lautet: «Aus Liebe zur Schweiz». Es ist die Liebe zum Standort - und nicht zur Heimat! Ist es überhaupt Liebe? Liebe hätte doch etwas mit den Menschen zu tun.

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